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Biketramper

Der zweite Teil der Tramperserie:
Von Aurich nach Passau quer durch Deutschland per Anhalter auf Motorrädern.

 

Die Regeln waren mindestens so hart wie die Bremszangen einer Ducati: Der Biketramper durfte bei allem mitfahren, was zwei- oder drei Räder und einen Motor hat. So groß die Verlockung auch gewesen sein mag: Pkw und Lkw waren strikt verboten. Ein Projekt, das vorher - soweit bekannt – noch niemand gewagt hat. Also ein Grund mehr, es zu versuchen.

Ganz ohne Risiko war das Projekt natürlich nicht: Weder wusste der Biketramper, bei wem er sich hinten draufsetzt - noch wusste der Fahrer, ob der Biketramper hinten kein Unfug macht, der beide in Schwierigkeiten bringen könnte. Eine Sache des Vertrauens. Um eines vorweg zu nehmen: Das verwegene Unterfangen ist ohne eine brenzlige Situation ausgegangen.

Die Bilanz jedoch lässt die harten Beanspruchungen unterwegs erahnen, denn mal eben husch-husch war die Reise dann doch nicht gemacht:

  • Sechs Tage war der Biketramper unterwegs
  • Die zurĂĽck gelegte Strecke belief sich auf etwa 1200 Kilometer
  • Sechzehn Motorräder, vier Roller und ein Trike waren dafĂĽr nötig
  • Gewicht der AusrĂĽstung am Mann: Rund 18 Kilo

Schweißtreibende Hitze wechselte sich mit Sturmregen ab, rasante Höllenritte mit über 200 Sachen gaben sich zermürbenden Wartezeiten die Hand. Das Gesetz des Biketrampers halt: Mal biste der Gashahn, mal biste die Bremsspur.

Doch auch bei diesem Projekt standen letztendlich wieder einmal zwei Dinge im Vordergrund: Die Herausforderung, mitunter im Minutentakt improvisieren und auf die neue Situation reagieren zu müssen – und natürlich die zahlreichen Begegnungen mit zum Teil unerwartet hilfsbereiten Menschen, die man im Alltag einfach nicht erleben kann.

Das Biktramper-Projekt konnte während der gesamten Reise online verfolgt werden. Neben einer Deutschlandkarte, die den Standort des Biketrampers angab, konnten sich alle Tramperfans auf dem Blog über den aktuellen Stand der Dinge informieren. Das haben sie auch getan: Die Biketramperseite hatte während des Projektes täglich etliche tausend Zugriffe aus mehr als zehn Ländern.

Die gesamte Story mit allen Hintergründen, Emotionen und etlichen Fotos ist über neun Seiten in der Augustausgabe 2010 des „Tourenfahrer“ erschienen.

 

Online bestellen:

 

 

 

 

 

 

 

Biketramper-Projektpartner:

Held Bikerfashion Etap Hotels

 

 

 

Leseprobe:

22. Mai 2010

„Ist nicht Dein Ernst, oder?“ Helmut sieht mich mit ungläubigen Augen an. „Doch, natürlich.“ Er setzt die Kaffeetasse ab und wirft einen Blick auf das bunte Treiben des Marktplatzes von Aurich, auf dem wir sitzen, als müsse er für einen Moment etwas reelleres sehen als das, was soeben gehört hat. „Du willst also von Aurich quer durch Deutschland nach Passau? Als Anhalter auf Motorrädern?“ Ich halte seinem Blick stand. „Klar. Ich weiß noch nicht so genau wie, aber ich werd`s tun.“ Vor wenigen Minuten habe ich ihn auf dem Marktplatz angesprochen; zum einen, weil er Bikerklamotten trägt, zum anderen, weil ich ein paar Tipps brauche, wie ich denn am ehesten einen Motorradfahrer finde, der mich in Richtung Emden oder Leer fährt, damit ich auf die A 31 komme. Denn das ist der Plan für die erste Tagesetappe: Möglichst bis nach Wuppertal zu kommen, um mich von dort am nächsten Tag durch das Rheinland in Richtung Frankfurt zu schlagen.

 

Es läuft gut an

Helmut überlegt. „Weißt Du was, ich bringe Dich am besten zu einem großen Motorradausstatter in der Nähe. Da findest Du sicherlich jemanden, der in die Richtung fährt.“

Bestens. Mein erster Lift. Läuft doch gut an! Gerade einmal vor einer halben Stunde gestartet, und schon sitze ich auf Rücksitz eines Choppers, der mich weiterbringt.

Im Shop angekommen erkläre ich der Belegschaft mein Begehr und frage, ob ich die Kunden vor dem Laden höflich ansprechend darf. Darf ich. Das Team findet die Idee großartig und gibt mir den Tipp, einen Kunden hinten im Laden zu fragen, der aus Leer kommt. Bernd fackelt nicht lange. „Klar, ich kann Dich bis nach Leer mitnehmen. Gleich an der Auffahrt zur A 31 ist auch noch ein großer Motorradhändler. Da stehst Du richtig.“

Innerlich reibe ich mir die Hände und triumphiere über all die Ungläubigen, die mir im Vorfeld des biketramperprojektes bescheinigt haben, dass ich - wenn es überhaupt klappt – Wochen und Monate brauchen würde. Pah! Ihr Ahnungslosen! Es läuft doch wie bestellt!

Bernd zieht seine BMW K 1200 RS weich über die Landstraßen, auf dem Sozius lässt es sich kommod mitreisen. Um elf Uhr stehen wir bereits auf dem Hof des Motorradhändlers in Leer, der ebenfalls nichts dagegen hat, wenn ich seine Kunden höflich anspreche. „Allerdings“ – räumt er ein – „kommen die Biker über Pfingsten eher hier hoch, als dass sie ins Ruhrgebiet fahren. Da brauchst Du schön Glück.“

Gegen halb drei weiß ich dann auch, was er meint. Niemand fährt auf die 31. Nach einiger Zeit ziehe ich mit meinem Gepäck um und positioniere mich direkt an der Autobahnauffahrt. Jede Menge Motorräder. Etliche, die von links rechts fahren und etliche, die von rechts nach links fahren. Doch lediglich zwei fahren auf die 31. Der eine hat bereits einen Sozius hinten drauf. Der andere hält – als ich wie wild mit erhobenem Daumen den Helm schwenke – an. Allerdings fährt er nur bis zur nächsten Ausfahrt. Mist.

Meine morgendliche Zuversicht wird von einer missmutigen Verzagtheit langsam aber stetig zur Seite gedrängt. Ich beschließe, es noch einmal bei dem Motorradhändler zu versuchen. Zum Glück nimmt mich ein Biker das kurze Stück mit; denn ehrlich gesagt gehört bei sengender Sonne in kompletter Motorradbekleidung herumzulaufen nicht unbedingt auf die Hitliste meiner Lieblingsbeschäftigungen.

 

Unverhoffte Hilfe

Leider hat sich hier nichts geändert – niemand fährt auf die 31. Vor dem Laden: Flaute. Der Ortsname ist Programm. Ein Kunde kommt mit seinem Sohn aus dem Shop. Wir kommen ins Gespräch. Nach wenigen Minuten erklärt Wolfgang: „Wenn Du hier stehen bleibst, kommst Du nie weg. Ich bringe meinen Sohn nach Hause, hole mein Motorrad und bringe Dich auf der 31 ein Stück runter. Dann bist Du wenigstens schon auf der Bahn.“

Wow! Damit hatte ich nicht gerechnet. Das nenn ich mal unverhoffte Hilfsbereitschaft! Keine Stunde später holt mich Wolfgang wie verabredet vor dem benachbarten Einkaufscenter mit seiner R 1200 GS ab. Nach den ersten Meter wird klar: Der Mann ist mit der Maschine verschmolzen. Beim Schalten fährt kein einziges Ruckeln durch die riesige Enduro, jedes Beschleunigen und Bremsen wirkt wie ein sanft getanzter Walzer. Verdammt, der Mann kann was am Gashahn!

Einige Kilometer weiter ist ein neuer Autohof, meint Wolfgang. Sicherheitshalber fahren wir über jeden kleinen Rastplatz und nehmen jede Ausfahrt, um dort an Tankstellen nach Bikern zu schauen, die in meine Richtung fahren. Fehlanzeige. Allerdings beeindruckt mich, mit welcher Präzision Wolfgang die Maschine ohne einen Hauch nachkorrigieren zu müssen in den Aus- und Abfahrten durch die Kurven zieht.

Der Autohof aber ist enttäuschend: Ein Tankautomat. Weit und breit niemand zu sehen. Fehlen nur noch knorrige Büsche, die staubig über den Asphalt rollen und kreisende Geier am Himmel.

Wolfgang schüttelt den Kopf und wirft die Maschine wieder an. „Hier lass ich dich nicht stehen. Du musst auf die große Raststätte nach Ems Fechte. Komm, sitz auf!“ Wolfgang brennt den Hinterreifen auf den Asphalt und schießt uns mit bis zu 200 Sachen Richtung Süden. Kurz nach sechs nehmen wir auf der Raststätte herzlich Abschied. „Ehrensache“, betont Wolfgang und grinst. „Dann nutze ich eben die Gelegenheit und hole noch Matjes aus Holland.“ Ich bin ein wenig beschämt. Wolfgang hat mal eben einen Ritt von knapp 200 Kilometern hingelegt, um mir zu helfen. Meine Dankbarkeit ist groß.

Die Raststätte ist ein Treffer: Keine Stunde später nimmt mit Erhard auf seiner R 1150 RT mit nach Essen. Und weil Erhard nicht nur ein entspannter Fahrer, sondern auch noch ein guter Mann ist, setzt er mich direkt vor dem Hotel ab, das ich vorsichtshalber von Fechte aus telefonisch gebucht habe.

Ich gehe noch einmal kurz online und blogge den aktuellen Stand der Dinge. Im Postfach liegen einige Mails von netten Menschen, die das Projekt online verfolgen und mit Durchhalteparolen unterstützen wollen. Mein Herz wird so warm wie das Bier, an dem ich seit mehr als einer halben Stunde trinke. Erschöpft ziehe ich die Tagesbilanz und muss gestehen, dass die ganze Geschichte vermutlich doch nicht ganz so einfach wird. Egal. Heute war heute, morgen wird morgen.

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