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Ă–PNV Tramper

Der vierte Teil der Tramperserie: Eines der letzten urbanen Abenteuer überhaupt – der öffentliche Personennahverkehr. Per Anhalter von Dortmund quer durchs Ruhrgebiet nach Duisburg, und das das ausschließlich mit Straßenbahn, U-Bahn oder mit dem Bus.


Die Regeln sind ebenso hart wie der Schotter unter der Gleisanlage einer U-Bahn:

Der Tramper darf keine S-Bahn oder sonstige Schnellzüge nehmen. Ansonsten ist alles an öffentlichem Personennahverkehr erlaubt. Doch per Anhalter – wie soll das gehen? Der Tramper muss stets jemanden finden, der ihn mit auf seinem Ticket mitnimmt oder ihm eine Fahrkarte bezahlt. Schwarzfahren ist selbstverständlich verboten. Sollte ein Bus- oder Bahnfahrer den Tramper ausnahmsweise ohne gültigen Fahrschein mitnehmen oder das Entgelt für ihn entrichten – bitte sehr, gern.

 

Der alles entscheidende Haken an der Sache:

Erlaubt sind ausschließlich Kurzstrecken. Selbst wenn der Tramper jemanden finden würde, der ihm eine Tageskarte für den gesamten Verkehrsverbund kauft – er darf auch damit lediglich Kurzstrecke fahren.

Man darf gespannt sein. Die Dauer der Reise völlig unkalkulierbar. Vorsichtig optimistisch könnte die Strecke an einem Tag zu schaffen sein. Wie gesagt, könnte. Eine Zahnbürste im Gepäck für alle Fälle wird sicherlich nicht schaden.

ÖPNV-Tramper ist ein Intermezzo in der Tramperserie, um über die Winterpause nicht einzurosten. Sobald das Wetter Ende April oder Anfang Mai wieder einigermaßen gut ist, geht es auf die nächste große Reise. Dann wird es allerdings richtig verrückt...

 

Projektpartner: LUUPS Verlag  

 

 

 

 

Die Reportage:


Der Start in Dortmund

„Was wollen Sie? Per Anhalter im ÖPNV nach Duisburg? Verrückter Trip!“ Ich weiß nicht genau, was mir mehr Sorgen macht: Das ungläubige Blitzen in den Augen der beiden Studenten, die ich bei meinem ersten Ticket nach Hilfe frage oder die Tatsache, dass ich auf dem Campusgelände der Uni Dortmund gesiezt werde. Doch die beiden Burschen greifen beherzt in ihre Hosentaschen und werfen mit zwei weiteren Studenten für den Fahrschein zusammen. Der Auftakt wäre also gesichert, der erste Streckenabschnitt geht gegen halb zehn mit der Hochbahn über das Unigelände. Laut Fahrplan muss ich danach zwei Straßenkreuzungen laufen, dann in den Bus bis nach Oespel, um dort am Busknotenpunkt den 440`er zu erwischen, der mich bis an die Stadtgrenze Bochum bringt. Der Plan: Ich hangele mich so ungefähr entlang der Hauptbahnhöfe im Ruhrgebiet bis nach Duisburg durch. Wie lange ich dafür brauchen werde, weiß ich zu dem Zeitpunkt nicht; doch vorsichtshalber habe ich meine mobile Alubox mit allem Necessaire dabei.

An der Autobahnmeisterei Dortmund brülle ich zwei Straßenmeistern auf dem Hof über einen laufenden Generator hinweg mein Anliegen ins Ohr. Arbeit gibt es keine für mich, aber einer der Männer dröhnt mir „Viel Glück!“ zurück und Eins fünfzig in die Hand.

In Oespel ist erst einmal Pause. Der 440`er ist vor wenigen Momenten abgefahren, der nächste fährt erst in 20 Minuten. In der Bäckerei Beckmann gibt es zumindest Arbeit für mich: Mit Glasreiniger und Putztuch rücke ich der Glasvitrine zuleibe, als Lohn gibt es das Geld für ein Ticket und einen Kaffee obendrein. Ein Blick auf den Schienennetzplan von Dortmund ernüchtert mich allerdings etwas: Der Bus an sich birgt nämlich einen für die Bevölkerung strategischen Segen, für mich allerdings die Geißel selbst: Er ist nun einmal flexibler als eine Straßenbahn und mäandert sich auch noch durch die letzten abseits gelegenen Straßen wie ein Seitenarm des Amazonas durch den Dschungel. Soll heißen: Für eine Luftlinienstrecke von fünf Kilometern muss ich – mit Ticketverdienen und Wartezeiten – eine gute Stunde einrechnen, wenn nicht mehr. Mal ehrlich: Laufen ginge schneller.

 

Stapeln bei Staples

Kurz nach elf spuckt mich der 440`er direkt im Indupark Oespel aus. Ich sehe mich um. Wenige Momente später sehe ich in etwas ungläubigen Augen des Filialleiters eines Büroausstatters, der sich zunächst in einer dieser „Wir-verarschen-alle-und-sind-dabei-allerdings-nicht-lustig-Sendungen“ glaubt. Doch er hat drei Dinge: Sinn für Abenteuer, ein großes Herz und Arbeit für mich. Stapeln bei Staples. Eine ganze Palette Kopierpapier gilt es, aus dem Lager zu holen und mit dem Winkelmaß akkurat im Verkaufsraum aufzustapeln. Insgesamt rund eine Viertelstunde Arbeit, die es jedoch in sich hat.

Erst um kurz vor zwölf sitze ich wieder im Bus. Wie kurz eine Kurzstrecke ist, wird einem erst dann so richtig bewusst, wenn man nach gefühlten Sekunden wieder aus dem warmen Bus raus in die Kälte muss, um sich das nächste Ticket zu besorgen. Aber deswegen heißt sie vermutlich so. Doch ich werde unterwegs selten enttäuscht: Bei der Polizei in Lütgendortmund lade ich Papier in Drucker und Kopierer nach – schließlich bin ich seit vorhin Fachmann für Papier – fege in einer Apotheke den Boden, lade an einem Getränkemarkt eine Palette Streusalz ins Lager und bekomme sogar von einer netten Dame zwischendurch ein Viererticket geschenkt, auf dem noch ein Feld frei ist.

 

Tacheles an der Haltestelle

Kurz vor der Stadtgrenze Bochum treffe ich an einer Haltestelle Großmutter Turkat. Wir haben noch etwas Zeit, bis der Bus kommt. Die 73-jährige erklärt mir die Lage der Nation im Allgemeinen und zu Hundebesitzern, die ihre Vierbeiner auf den Bürgersteig machen lassen, im Besonderen: „Denen sollte man alle mal gehörig im Arsch treten!“ Wobei sie nicht ganz klar formuliert, ob den Hunden oder den Besitzern. Eigentlich auch egal. Ich hake an anderer Stelle nach: „Im Arsch drin oder im Arsch rein?“ will ich wissen. Großmutter Turkat sieht mich kurz an. „Drauf natürlich!“ Wieder etwas gelernt. In Lütgendortmund tritt man also im Arsch drauf. Ach, ich liebe die Feinheiten des Ruhrgebietdialektes!

 

Von Bochum nach Gelsenkirchen

Bochum-Harpen kannte ich bislang lediglich als Abfahrtsschild auf der A 40, an dem es möglichst schnell vorbeizufahren galt. Jetzt lerne ich Bochum-Harpen im echten Leben kennen. Auf einer Kreuzung inmitten des – sagen wir mal Stadtkerns – finde ich das Cafe Stübchen. Die beiden Damen in dieser Mischung aus Kiosk und Cafe finden die ganze Aktion zwar außergewöhnlich, doch lustig – und fackeln nicht lange. Der Getränkekühlschrank muss aufgefüllt werden. Man kann dem Harpener von mir aus nachsagen, was man möchte – doch lumpen lässt er sich nicht für ehrliche Arbeit, wenn sie dann getan ist. Neben dem Entgelt für den Fahrschein gibt es obendrein noch einen Kaffee und ein gefülltes Croissant.

Doch bei aller Gastlichkeit: Der Tramper ist nun einmal ein Wanderer und muss beizeiten weiter. Allmählich sehe ich mit einigem Unmut auf die Uhr. Es ist kurz vor drei. Mein heimlicher Plan, die Strecke an einem Tag oder es zumindest bis nach Essen zu schaffen, löst sich ebenso in Rauch auf wie die gefühlt dreihundertste Filterlose, die seit dem Start heut Morgen in Dortmund gerade rauche.

 

Umsteigen bitte

An einer Tankstelle jedenfalls tausche ich eine blitzblank von mir gewienerte Zapfsäule gegen das Entgelt für einen Fahrschein und werfe einen Blick auf den Schienenplan von Bochum. Die Buslinie, auf der mich bewege, macht bald einen für meinen Geschmack viel zu großen Schlenker, als dass ich ihn vernachlässigen könnte. Die Entscheidung, auf eine kürzere und direktere Bahnlinie bis zum Hauptbahnhof Bochum umzusteigen, ist schnell getroffen. Bis dahin jedenfalls ist die Strecke überschaubar. Das Geld für die Fahrscheine muss ich mir – trotz Angebot – auf den nächsten Strecken nicht verdienen, sondern bekomme es bereitwillig von lieben Mitmenschen geschenkt – ob in einer Fleischerei oder im Cafe Treibsand am Planetarium. Überhaupt überrascht mich die Solidarität der Menschen im Ruhrgebiet immer wieder. So manches Mal haben die Ruhris unterwegs zwar keine Arbeit für mich, aber sehen es als eine Art Ehrensache, einen von ihnen durchs Ruhrgebiet zu bringen. „Woanders kämste keine zehn Meter weit“, erklärt mir eine ältere, augenscheinlich nicht besonders betuchte Dame. „Aber wo käm` wa denn dahin, wenn wa hier nich zusammenhalten würden, he?“ Sie braucht einige Momente, um etliche Münzen aus Portemonnaie und Manteltaschen zu kramen. Das Gewicht der vielen Geldstücke wiegt in meiner Hand ähnlich schwer die Geste von ihr.

 

Auf in die verbotene Stadt

Am Bochumer Hauptbahnhof heißt es erst einmal, in einem Eiscafe Pause zu machen. So langsam merke ich den Tag. Anstrengend war er bislang. Nicht nur, dass ich immer wieder ungewohnte körperliche Tätigkeiten verrichten muss; das ständige Rein-raus alle drei Stationen zerrt doch ein wenig an den Nerven. Aber was solls – das Leben eines ÖPNV-Trampers ist schließlich kein Spaziergang, nicht wahr.

Der Blick auf den Plan macht mich ehrlich gesagt ein wenig ratlos. Zwar komme ich vom Bochumer Hauptbahnhof durchaus nach Essen, doch scheint mir die Strecke mit Bus und Bahn ein wenig schlenkerhaft. Außerdem möchte ich - soweit möglich – auf Buslinien künftig verzichten. Zu groß erscheinen mir die Schleifen im Fahrplan und zudem kostet mich die 20-Minuten-Taktung der meisten Buslinien schlichtweg zu viel Zeit.

Ich entscheide mich, einen kleinen Schlenker über Gelsenkirchen zu machen, um von dort aus nach Essen via Mühlheim an mein Ziel, den Duisburger Hauptbahnhof zu kommen. Es ist bereits fünf Uhr durch, als ich die Münzen, die mir die Kellnerin des Eiscafes in die Hand gedrückt hat, in den Fahrscheinautomaten werfe. Inzwischen hat sich neben dem Nieselregen auch ein dämmriges Dunkel über das Ruhrgebiet gelegt. Einer dieser Nieselregen, bei denen auch die Terrierdame eigentlich keine Lust hatte vor die Tür zu gehen, als ich sie als Gegenleistung für ein Ticket Gassi führen sollte.

 

„Ihren Ausweis, bitte!“

Machen wir uns einfach mal nichts vor: Wenn man Besuch von Auswärts bekommt, fährt man mit ihm nicht als erstes nach Bochum-Wattenscheid, um dort mit stolzgeschwellter Ruhrgebietsbrust zu sagen: „Jetzt guck mal, watt schön hier!“

Ich jedenfalls wĂĽrde die Gegend eher furchtlosen Fortgeschrittenen empfehlen, zumindest bei Dunkelheit im Nieselregen eines kaum Trost versprechenden Januarabends.

Kein Mensch weit und breit auf der Straße. Warum auch. Kein Geschäft in der Nähe, in dem ich nach Arbeit fragen könnte. Warum auch. An einer unbeleuchteten Haltestelle steht eine Gruppe von sechs- oder sieben Gestalten. Ich fasse mir ein Herz, gehe hin, erkläre meine Mission und frage, ob alle vielleicht zusammenschmeißen würden. „Können Sie sich eigentlich als Reporter ausweisen?“ fragt eine Dame. Ich nestele meinen Presseausweis hervor und halte ihn vor die Gruppe. Die Antwort kommt prompt: Sechs Ausweise der BOGESTRA schimmern mir im Dunkeln entgegen. Ich habe ausgerechnet die zivilen Kontrolleure getroffen.

Doch weil der Kontrolleur der BOGESTRA an sich ein großes Herz hat, nehmen mich die Inspekteure kurzerhand mit. Schwarzfahren mit Erlaubnis quasi, und das gleich zwei Mal: Nach drei Stationen steigt die ganze Gruppe mit mir aus, um mich mit der nächsten Bahn noch eine Kurzstrecke mitzunehmen.

 

„Wir bringen jeden auf die Straße“

Ausgerechnet in einer Fahrschule finde ich zwar keine neue Arbeit, doch immerhin ein offenes Ohr. Petra Kordt findet die ganze Aktion lustig und sieht auch keine Schwierigkeiten darin, dass ausgerechnet eine Fahrschule einen ÖPNV-Tramper unterstützt. „Wir bringen jeden auf die Straße – das ist nun einmal unser Motto. In diesem Fall vielleicht auf eine etwas andere, aber was solls.“

Die restlichen zwei Stationen bis zum Hauptbahnhof Gelsenkirchen laufe ich. In einer Kneipe frage ich zwar nach Arbeit, werde jedoch kurzerhand recht eindeutig von der Wirtin darauf hingewiesen, dass sie von derlei Aktionen ähnlich viel hält wie von einem Zechpreller, der seinen Deckel rundgesoffen hat und sich aus dem Staub macht.

Tja, aber so ist das: Mal biste die Haltestelle, mal der Schaffner.

Gegen 21 Uhr checke ich direkt neben dem Bahnhof in ein Hotel ein und bleibe die Nacht über hier. Heute Abend noch weiterzureisen erscheint mir nicht besonders Erfolg versprechend. Ich gehe noch kurz online, poste die Neuigkeiten auf die Interseite, beantworte einige Mails und schaue dann, ob ich irgendwo noch ein Bier bekomme. Falls künftig von mir jemand einen gescheiten Tipp haben möchte, wo er nach halb elf in der Gelsenkirchener Innenstadt innerhalb der Woche noch ein Bier bekommt: Vergiss es, bleib zu Hause.

Lediglich an der Hotelbar zapft mir der Nachtportier noch auf rasch zwei Bier an. Wir unterhalten uns. Er ist Schwarzafrikaner und kommt ursprünglich aus Marokko, lebt aber seit 13 Jahren in Deutschland und schickt das meiste Geld nach Hause. Interessiert fragt er nach, was es mit dem gesamten Tramper-Projekt auf sich habe und lacht sich zwischendurch immer wieder ungläubig ins Fäustchen.

Als ich die beiden Biere bezahle, legt mir der Portier einen Teil des Trinkgeldes zurück auf den Tresen. „Für morgen. Für einen Fahrschein.“

 

An der Rennbahn

Eigentlich war ich ja unter anderem auf die Straßenbahn umgestiegen, weil mir die Taktung der Busse zu weit auseinanderlag. Pech gehabt: die Linie 107 Richtung Essenfährt ebenfalls nur alle 20 Minuten. Na klasse. Nach der ersten Kurzstrecke versuche ich mein Glück direkt zehn Meter weiter in einem Dentallabor. Es läuft, der Inhaber hat Arbeit für mich. Mein Job: Aus alten Gipsabdrücken müssen mit einem Hammer die Magneten herausgebrochen werden, die zum einen recht teuer sind und zum anderen problemlos weiterverwendet werden können.

Erst, nachdem der Magnethaufen nach etwa zehn Minuten um einiges angewachsen ist und ich etwa drei Millionen kleine Gipspartikel gleichmäßig beim Hämmern im Labor verteilt habe, mache ich mich wieder auf den Weg. Mein Ziel: Die legendäre Pferderennbahn. Wenn es hier kein Arbeit für einen ehemaligen Sulkytramper gibt, wo sonst?

Direkt an der Rennbahn ist heute Trödelmarkt. Bestens. Hier werden immer Hände gebraucht, und wenn ich Gemüse verkaufe oder Nachschub holen muss. Allein: Es hagelt an jedem Stand, bei dem ich frage, Absagen. Niemand braucht die helfenden Hände eines Trampers, niemand hat einen Job für mich. Etwas enttäuscht zerre ich missmutig vor mich hinbrummelnd meine Expeditionsbox weiter in Richtung Rennbahn. Ich folge dem Schild, auf dem die Richtung zu einem Pferdestall angezeigt wird. Und richtig: Am Ende des Weges hat die Besitzerin des Stalls Arbeit für mich, nämlich Spinnweben von der Stalldecke und aus den Boxen fegen. Schön überkopf arbeiten, schön Staub und Spinnweben fressen. Aber genau deswegen ist die Arbeit vermutlich auch bis jetzt liegen geblieben, hehe.

 

Auf nach Essen

Weitaus weniger anstrengend gibt sich der Rest der Strecke bis zum Essener Hauptbahnhof: Mein Gespür, dass bei einer Bank Geld zu holen ist, erweist sich als durchaus richtig – für die sagenhafte Aufgabe, einen Ventilator in den Keller zu tragen, bekomme ich das Salär für ein Ticket. Zu meiner Ehrenrettung muss ich allerdings auch anführen, dass ich ihn zuvor eigenhändig ausgesteckt und das Kabel sorgsam um den Korpus gewickelt habe. Wenn`s um Geld geht…

An der Haltestelle Zollverein holt ein netter Bursche ein Ticket für mich, kurz darauf schenkt mir ein Optiker das Geld ohne zu arbeiten. Ob er einfach nur nett ist oder mich schlichtweg nur fix wieder loswerden will – wer weiß. Steckse ja bekanntlich nich drin.

Auch bei einem Rewe-Markt muss ich keinen Finger krumm machen; der Filialleiter würde mich zwar ordentlich knechten lassen, darf er aber aus versicherungstechnischen Gründen nicht. Pech für ihn, Glück und Ticket für mich. Wenig später erblicke ich die blauen Leuchtstoffröhren in den Katakomben des Essener Hauptbahnhofs. Erst auf dem Weg ans Tageslicht fällt mir auf, welche wohl die bislang am häufigsten von mir genutzte Kurzstrecke ist: Die Rolltreppe. Ist aber immerhin auch ÖPNV, nicht wahr.

 

Auf der A 40

Laut Plan führt ein nicht zu geringer Teil des nächsten Streckenabschnitts bis nach Mühlheim direkt über die A 40. Mist. Für mich heißt das: Jedes Mal raus aus der Station und erst einmal ein Geschäft oder dergleichen finden.

Die Strecke erweist sich glücklicherweise weitaus weniger schwierig als gedacht. Der Clou: An der Haltestelle Eichbaum ziehe ich ein Kurzstreckenticket - und finde im Ausgabefach zusätzlich ein Vierercarnet, allerdings in der Preisstufe A. Als auch nach einer Viertelstunde niemand auftaucht und das Ticket vermisst, stecke ich es kurzerhand ein. Aber tunt damit? Laut Reglement darf ich alleine mit dem Ticket nur eine Kurzstrecke fahren – welch unsägliche Verschwendung! Es sei denn… wenige Momente später erkläre ich Serkan, der ebenfalls bis nach Mühlheim Hbf fahren will, den Plan: Ich schenke ihm das Ticket und er nimmt mich zwei Mal je eine Kurzstrecke mit. Serkan ist dabei. Wir plaudern ein wenig über das Ruhrgebiet und wie er es empfindet. „Hier ist halt Multikulti. Ich bin zwar Türke, doch hier geboren und sehe mich auch als Ruhrpottler. Ich glaube, nirgendwo in Deutschland leben so viele unterschiedliche Nationen auf einem Haufen wie hier. Das macht es aus.“

In Mühlheim trennen sich unsere Wege. Ich mache mich auf in die Innenstadt, um ein Ticket zu organisieren. Nach vergeblichen Versuchen in einem Tabakladen und einer Lokalredaktion finde ich in einem Fahrradgeschäft ein offenes Ohr und einen Job: Nämlich Leihfahrräder putzen; genau genommen eines.

Ob der Besitzer des Ladens Mitleid mit mir hat, weil ich in der verbotenen Stadt ĂĽbernachten musste, weiĂź ich nicht. Ob er mir weit von Dortmund und Borussia einen Hauch von Heimat spendieren will, weiĂź ich auch nicht. Aber das Rad, ĂĽber das ich sorgsam den Lappen schwinge, ist ausgerechnet Schwarz-Gelb.

 

Endspurt

Der Rest der Strecke bis nach Duisburg scheint ein Klacks: Mit der 901 geht es fast auf direktem Wege bis zum Hauptbahnhof. Zum Glück ist die gesamte Strecke mit zahlreichen Geschäften gesäumt, deren Inhaber und Betreiber es nicht an Hilfe mangeln lassen. Egal ob an einer Tankstelle, in einem Tattoo-Shop oder einem Reisebüro – arbeiten muss ich nirgends, doch Geld fürs nächste Ticket haben sie alle. Vielleicht haben die Menschen aber auch Mitleid mit mir, denn jedes Mal, wenn ich ein Ladenlokal entere und meine Mission erkläre, tropfe ich den Boden voll – derart hat es sich inzwischen eingeregnet.

Etwa zur Mitte der Strecke steige ich wie bereits zur Gewohnheit geworden in die 901 und platziere mich vor einer älteren Dame. Direkt vor ihr steht ein Kinderwagen, indem sie wohl ihren Enkel oder so mit der Bahn transportiert; vorausgesetzt, der Enkel ist eine weiße, lebendige, ganze Gans und hört auf den Namen Frieda. Ich sehe mich um. Niemand scheint es zu stören, dass die Dame eine Mastgans im Kinderwagen mit in die Bahn nimmt und offensichtlich bin ich der einzige, der das nicht ganz normal findet. „Ich kann sie beruhigen, die Leute hier kennen mich bereits seit vierzehn Jahren. Etwas außerhalb habe ich noch ein Pferd und nehme Frieda immer mit, wenn ich versorgen fahre.“ Frieda die Zweite, um genau zu sein. Die erste Frieda hat vor einigen Jahren bereits das Zeitliche gesegnet. Die Dame kommt mir zuvor: „Nein, die erste Frieda ist nicht im Kochtopf gelandet.“ Sie schmunzelt.

Wir plaudern noch kurz, dann muss ich wieder raus. Es gießt in Strömen. An der Haltestelle halte ich kurz inne und stecke mir eine Filterlose an. Ich brauche noch genau eine Kurzstrecke, dann bin ich am Duisburger Hauptbahnhof. Neben mir steht eine Schauspielerin vom benachbarten Theater. Sie zögert nicht lang, als ich ihr von der Reise der vergangenen zwei Tage berichte. Ich bin dankbar für ihre Hilfe, denn mein Körper zeigt mir bereits seit ein paar Stunden, was er von den letzten beiden Tagen hält: Nämlich gar nichts. Ich bin froh, wenn ich das Ziel gleich erreicht habe.

Wenig später steige an meiner letzten Station aus, die Mission ist erfüllt. Nach einem verdienten Bier – selbstverständlich in einer stilechten Duisburger Bahnhofskneipe – merke ich, wie geschwollen meine Füße, wie nass Jacke und Hemd sind, wie sehr mein Rücken schmerzt. Dennoch: Es hat funktioniert. Es ist möglich, per Anhalter im ÖPNV quer durchs Ruhrgebiet zu fahren. Ich denke mit viel Schmunzeln an so viele der „Blitzbegegnungen“, die ich unterwegs hatte. An die vielen Menschen, die mir sofort und ohne viel Aufhebens und ohne Gegenleistung auf der über 100 Kilometer langen ÖPNV-Strecke weiter geholfen haben. Auf dem Tresen vor mir liegen knapp 35 Kurzstreckentickets. 35 Tickets von zwei vollen Tagen ÖPNV-Trampen. Aus meiner Brusttasche krame ich den Fahrschein hervor, den ich vorhin gekauft habe, um gleich mit dem Regionalexpress zurück nach Dortmund zu fahren. Abfahrt: 20:39. Ankunft: 21:16. Also 37 Minuten. Ich muss lachen.

 

Gedanken auf der Heimfahrt

Im Zug muss ich an die ältere Dame denken, die ich unterwegs getroffen habe und die mir all ihre Groschen zusammengesucht hat. Vielleicht hat sie recht: Vielleicht wäre die Mission in einem anderen Teil Deutschlands nicht zu verwirklichen gewesen. Wer weiß es schon. Ich sehe in die verregnete Nacht hinaus. Das Ruhrgebiet fliegt an uns vorüber. Eines allerdings weiß ich: Der Ruhri an sich ist einfach `ne coole Sau. Danke, Ruhrgebiet.

 

 

Ein großes Dankeschön an dieser Stelle noch einmal an alle, die mir unterwegs geholfen haben!

Euer Tramper

 

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