Sitemap   |   Impressum  

Schifftramper

Der Auftakt der ungewöhnlichen Tramperserie: Per Anhalter mit Schiffen von Cuxhaven nach Dortmund. Geht so etwas überhaupt?

 

Im Selbstversuch machte sich der Journalist und Autor Holger Steffens auf die Reise, um es auszuprobieren. Allerdings war er zu Beginn der Reise von Kenntnissen über Nautik und Binnenschifffahrt ähnlich weit entfernt wie ein Nomade von einer Eigentumswohnung.

Dazu kamen die Regeln, die mindestens so hart waren wie der Schiffszwieback in den Proviantfässern der Gorch Fock: Der Schiffstramper durfte ausschließlich per Anhalter fahren, überwiegend per Schiff. Die Fahrten und Übernachtungen mussten verdient werden - wie auch immer. Hand gegen Koje eben.

Der Plan war ganz simpel: In Cuxhaven einfach auf einem Schiff anheuern, das nach Dortmund oder Duisburg fährt, unterwegs ein bisschen das Deck schrubben oder Kartoffeln für den Smutje schälen.

Das war der Plan; und der ging ordentlich schief. Ăśber eine Woche war der Schiffstramper unterwegs. Aus einem wurden insgesamt sechs Schiffe, die ihn mitnahmen.

Aus der abenteuerlichen Reise ist später das Buch "Hand gegen Koje" geworden - wohl eines der spannendsten und ungewöhnlichsten Bücher der Reisebelletristik.

Von Anfang an ist der Leser hautnah dabei, wenn Steffens mit gewohnt humoristischer Feder von seinen Begegnungen mit den Menschen unterwegs und den Höhen und Tiefen berichtet, die sich in einem fort die Hand gaben.

 

Hand gegen Koje, erschienen im Luups Verlag

ISBN: 9 783942029902
192 Seiten, durchgehend in Farbe
Ăśber 70 Fotos
12,90 Euro

 

 

 

 

 

 

 

Das Buch ist in AuszĂĽgen auch als siebteilige Serie im Magazin Skipper erschienen.

Teil 1 in Skipper 03/2010    Teil 2 in Skipper 04/2010    Teil 3 in Skipper 05/2010    Teil 4 in Skipper 06/2010    Teil 5 in Skipper 07/2010    Teil 6 in Skipper 08/2010    Teil 7 in Skipper 09/2010

Ausgaben online bestellen:

 

 

 

 

 

 

 

Leseprobe aus dem Buch  

Kapitel 1

(Das Lesen des Kapitels dauert etwa 20 Minuten. GefĂĽhlt jedoch sind es nur fĂĽnf...)

 

Hand gegen Koje

11.09.2008

Von Cuxhaven nach Bremerhaven

„Einfach dranspringen!“ Das Boot schaukelt. Mein Magen auch. Vor mir sehe ich verschwommen die Lotsenleiter mit den nicht besonders Vertrauen erweckenden Holzstufen, die an der glatten Bordwand der „Estraden“ hängt. „Los jetzt, ich muss ablegen!“ Es sind nur etwa zwei Meter bis zur Luke, die ins Innere des Überseecontainerschiffes führen soll. Trotzdem. Das hier ist nicht mein Ding: Von einem fahrenden Lotsenversetzboot an die Bordwand eines mir gänzlich unbekannten Frachters springen!

Ein Blick ins Gesicht des Bootsführers, der mich und zwei Lotsen mit der „Elbe 2“ auf die offene See gebracht hat, macht klar: Er meint das ernst. Von Anhalten kann keine Rede sein. Verdammte Tat, das hat mir vorher keiner gesagt! Das hier ist nix für Landratten wie mich, die allenfalls gelegentlich blank geputzte Bootschühchen aufs Deck einer Kieljolle setzen; die zudem möglichst nur gemächlich glucksend über einen nicht zu groß geratenen Binnensee dümpelt.

„Mach hin, Jung!!!“

Schätzungsweise ist das jetzt nicht der passende Augenblick, um mit dem Bootsführer über die Gelegenheit, mir noch mal ordentlich ins Hemd machen zu können oder eine eventuelle Rückkehr zu diskutieren. Außerdem ist mein Gepäck bereits auf der „Estraden“. Und die beiden Lotsen sind schließlich auch vor wenigen Augenblicken unbeschadet im Rumpf des Schiffes verschwunden.

Ich mache einen Satz in Richtung Lotsenleiter.

Beide Hände klammern sich krampfhaft an die nassen Tampen. Meine Füße versuchen vergeblich Halt zu finden. Ich rutsche von den feuchten Stufen ab. Mein linkes Bein schlägt mit ungebremster Wucht an die Bordwand. Ein stechender Schmerz schießt ins linke Knie, dann finden beide Füße auf den Holzstufen Halt. Mann, tut das weh! Doch der Gedanke, besser noch einmal kurz aufs Lotsenboot zurückzugehen, erledigt sich im selben Augenblick: Die „Elbe 2“ hat beigedreht und ist bereits etliche Meter weit weg. Vorsichtig und mit zitternden Händen greife ich an nasse Tampen und schlüpfrige Holzstufen und strample mich hoch in Richtung Luke, in der mich das grinsende Lächeln eines Matrosen rätselhafter ethnischer Herkunft empfängt.

Geschafft. Ich bin in der Luke. Noch während ich mich aufrapple, zieht der Matrose die Lotsenleiter ein und deutet mit einer Hand aufwärts. Über einen Schacht klettere ich an den eingelassenen Sprossen nach oben. Verdammt eng hier. Endlich stehe ich an Deck. Der Wind pfeift mir um die Ohren, von den beiden Lotsen keine Spur. Lediglich mein Trolley steht allein und wie fehlplatziert auf dem fast leeren Hauptdeck der „Estraden“. Ich humple mit angeschlagenem Knie das Deck entlang Richtung Schiffsbug.

Über die steilen Stahltreppen komme ich über zwei Zwischendecks zum Bug des Containerschiffes, wo – einem Adlerhorst in nichts nachstehend – die Brücke über dem Rest des Schiffes thront. Ich sehe auf die Uhr. Viertel vor fünf, die Sonne steht bereits recht tief am Horizont. Endlich die Brücke. Tür auf, Holger rein, Tür zu. Ich stehe mitten im Geschehen und mutmaßlich auch mitten im Weg, denn ein Mann in adretter Seemannsuniform schiebt mich sanft beiseite. Lotse Hajo Salge und Aspirant Andreas Völtz sind bereits beim Kapitän des finnischen Containerschiffes und sprechen mit ihm die bevorstehende Fahrt nach Bremerhaven durch.

Der finnische Kapitän nickt kurz freundlich, bedeutet mir, erst einmal durchzuatmen und däumelt auf eine Sitzbank im rückwärtigen Teil der geräumigen Brücke. Gern. Sehr gern. Ich setze mich, sammle mich, wundere mich. Eine ganz persönliche Premiere für mich; schließlich verschlägt mich das Schicksal zum ersten Mal auf ein Containerschiff.

Sapperlot, der Trolley! Soweit es mein angeschlagenes Knie zulässt, hinke ich zügig die Niedergänge über die beiden Zwischendecks hinunter und hole mein Gepäck, das immer noch unberührt und einsam auf dem Hauptdeck steht. Zurück zur Brücke. Hajo Salge schickt sich inzwischen an, das Kommando zu übernehmen. Kapitän Jorm Kantola hat etwas Zeit.

Wir gehen ein Deck weiter hinunter und setzen uns in die Messe. Kantola holt aus einem Kühlschrank zwei Cola. Vor allem eines möchte der Finne wissen: Was soll das alles und was mache ich eigentlich hier?

Gute Frage. Verdammt gute Frage. Nicht, dass ich mir dieselbe nicht bereits spätestens auf der nassen Lotsentreppe an der Bordwand gestellt hätte. Doch nun ist es Zeit, einen Blick in unlängst vergangene Zeiten zu werfen. Für Kantola, für den Leser, für mich.

 

Wie alles begann

LĂĽbeck im Juli 2008, irgendwann mittags

Axel schließt die Wohnungstür auf, wirft die Schlüssel auf die Anrichte, stellt seine Schuhe sorgfältig in der Diele ab und verschwindet in der Küche.

„Deine Sachen holen wir nachher aus dem Auto. Ist ja noch Zeit. Ich hab mir heute frei genommen.“

Bestens. Es läuft rund. Die Sonne scheint sommerlich, ich habe mir ein paar Tage frei genommen und besuche meine lieben Nordlichter in Lübeck, Kiel und Oldenburg. Das Leben ist gerecht. Entspannt sitze ich auf dem Sofa eines alten Jugendfreundes, den es vor etlichen Jahren beruflich nach Lübeck verschlagen hat. In der Küche räumt Axel das gesamte Interieur von links nach rechts. Zumindest klingt es so.

Dann das verräterische Klimpern von Flaschen, gefolgt von einem Wimpernschlag Stille. `Fumpp`-- und wenige Sekunden wieder: `Fumpp`.

„Bierchen?“ Axel steht grinsend mit zwei geöffneten Pilsflaschen in der Diele.

„Ooch – wenns denn schon offen ist …“ Entgegen der alten Regel „Kein Bier vor vier“ stoßen wir an. Ist ja auch schon halb eins, wir wollen mal nicht so sein, außerdem haben wir Urlaub und deswegen.

Wenig später sitzen Axel und ich auf dem Sonnendeck eines Ausflugsdampfers und schippern von Lübeck aus die Trave entlang nach Travemünde, um ein Krabbenbrötchen zu essen und die Füße in die Ostsee zu halten. Meine Idee. Ich liebe Bootfahrten.

„Mann, das könnte ich echt jeden Tag machen“, schwärme ich bei sengender Sonne und versuche, den aufkommenden Sonnenbrand mit Weizenbier von innen zu kühlen.

„Dann komm doch einfach das nächste Mal direkt mit dem Schiff hier hoch! Ahoi auch und prost!“ Die beiden Weizenbiergläser klirren aneinander.

„Wenn das gehen würde – ich würds glatt bringen. Wär doch bestimmt eines der letzten Abenteuer in unserem schönen Lande: Per Anhalter mit dem Schiff durch Deutschland. Astreine Reportage.“

„Abgemacht. Das nächste Mal also per Schiff – wenn es überhaupt genug Kanäle oder so etwas durch Deutschland gibt.“

„Abgemacht. Das Ding gilt.“

 

Die Regeln

In Travemünde gehen wir von Bord und machen genau das, was wir uns vorgenommen haben: Die Hosenbeine hochkrempeln und das bleiche Gebein in die plätschernde Ostsee halten. Beim zweiten Krabbenbrötchen an der Hafenmole von Travemünde formen wir die Regeln für die Reportage – immerhin gedanklich – zu einem abenteuerlichen Etwas:

  • Ich darf mich ausschlieĂźlich per Anhalter fortbewegen, ĂĽberwiegend per Schiff.
  • Kleinere Fahrten mit dem Auto oder sonstigen Fortbewegungsmitteln sind erlaubt. Aber auch nur, um von Schiff zu Schiff zu kommen.
  • Um die Sache nicht allzu einfach zu gestalten: Keine bezahlten Ăśbernachtungen. Also Hotels oder dergleichen scheiden aus – es sei denn, ich bekomme die Ăśbernachtung kostenlos.
  • Mitfahrgelegenheiten auf den Schiffen und Ăśbernachtungen mĂĽssen verdient werden. Wie auch immer.

„Hand gegen Koje heißt das, glaub ich“, murmelt Axel in sein Krabbenbrötchen.

Meine voreilige Zusage sollte ich noch am selben Abend bereuen, als einige Recherchen im Internet auf den Monitor bringen, dass es sehr wohl möglich ist, so ziemlich jede Gegend in Europa mit dem Schiff zu erreichen. Inklusive Deutschland natürlich. Ahnungslosigkeit ist halt keine Entschuldigung, zugesagt ist zugesagt. Eine Idee, die sicherlich im Nachhinein an Brillanz zu schlagen ist. Aber gut; wer das Abenteuer sucht, der soll es auch finden.

Doch zunächst rief mich die Arbeit wieder ins heimische Dortmund und in die Textchirurgie zurück. Etliche Wochen später – das ganze Ding mit der Anhalterperschiffreportage war schon fast im sickigen Sumpf des fauligen Vergessens versunken – kam von der Pressestelle eines Mineralölkonzerns das Okay, eine Reportage über die notfallmedizinische Versorgung auf einer Ölbohrinsel für ein Magazin machen zu können. Termin: Mitte September, in wenigen Tagen also. Ein Versorgungsschiff würde mich auf die Bohrinsel „Mittelplate“ im schleswig-holsteinischen Wattenmeer bringen und wieder in Cuxhaven absetzen. Moment mal: Schiff? Mitnehmen? Absetzen? Mist, da war doch noch was! Die Reportageidee steckt gerade ihren Kopf aus fast vergessenem Morast und ruft: „Ätsch, ich bin noch da! Mich wirst Du so schnell nicht los, mein Lieber!“ Hmm. Könnte man auch von Cuxhaven zurück nach Dortmund mit Schiffen fahren?

Google sagt: Ja. Ein kurzes Telefonat mit Axel. Klar, die Strecke gilt auch. Hauptsache, die Regeln werden eingehalten. Und zwar, sobald ich auf der Hinreise in Cuxhaven eintreffe.

Ein Telefonat mit dem Bundesverband der deutschen Binnenschiffer verläuft teils aufmunternd, teils ernüchternd:

„Geht so etwas überhaupt – ich meine, eine solche Strecke per Anhalter auf Binnenschiffen zu fahren?“

Die Antwort des Verbandes ist eindeutig: „Auf jeden Fall! – zumindest theoretisch. Doch jeder Schiffsführer muss selbst entscheiden, ob er einen Anhalter mitnimmt. Feste Fahrpläne gibt es nicht, und zeitaufwendig ist die Sache ebenfalls.“

Ich werfe einen Blick in meinen Jahresplaner. „Ich könnte etwa eine Woche dafür einplanen. Reicht das?“ Hier schickt der Verband gleich eine ganze Flotte von Konjunktiven auf den Fluss der Konversation: „Es könnte machbar sein. Dann bräuchten Sie allerdings viel Glück und gute Verbindungen. Wir würden Ihnen eher davon abraten; ganz ungefährlich ist es auf den Binnenschiffen auch nicht, wenn man das Metier nicht kennt. Hätte aber auch unseres Wissens nach in dieser Form noch keiner versucht.“

Genau die Antworten brauche ich. Kaum machbar, viel Glück von Nöten und immer schön der Gefahr trotzig ins Auge sehen. Dann also erst recht! Der Schädel eines Mannes ist schließlich nicht immer nur vom maßlosen Zechen dick. Das ist hier ganz klar ein Job für einen Gelegenheitsrebellen wie mich!

Bei der Ankunft in Cuxhaven sollte es also bereits losgehen. Soll heißen: Anreise am 10. September, am 11. morgens um sieben das Versorgungsschiff zur Bohrinsel nehmen. Ich bestätige erst einmal den Termin beim Pressesprecher des Mineralölkonzerns.

Wie aber komme ich in Cuxhaven an eine kostenlose Übernachtung? Himmel hilf, da oben sitzt aber wirklich niemand, den ich kenne. Ich greife in die Trickkiste: Wozu treibe ich mich seit nunmehr 20 Jahren in den Gemarkungen der großen Hilfsorganisationen mit ihren bundesweiten Netzwerken herum? Vielleicht findet sich in der Cuxhavener Gegend eine Rettungswache, auf der ich als altgedienter Rettungsdienstler übernachten kann … Gleich der erste Anruf beim befreundeten Pressesprecher der Dortmunder Johanniter scheint ein Treffer zu sein: „Warte mal“, überlegt Thomas Klewe, „da oben gibt es einen Ortsverband von uns. Ich such Dir die Nummer raus und schick sie Dir gleich per Mail.“

Thomas Klewe ist wie immer flott und zuverlässig. Die Mail landet nur wenige Minuten nach unserem Gespräch in meinem Postfach. Eine halbe Stunde später muss mich der verantwortliche Kollege der JUH in Cuxhaven allerdings enttäuschen: „Wir sind hier nur ein ganz kleiner Ortsverband. Eine große Rettungswache haben wir hier gar nicht – von sonstigen Übernachtungsmöglichkeiten ganz zu schweigen. Aber ich gebe Ihnen mal die Nummer der DLRG, die haben auf jeden Fall Unterkünfte für Rettungsschwimmer, die von außerhalb kommen.“

Kurz gesagt: Ein Hoch auf die DLRG! Nach einigen Telefonaten und zahlreichen Erklärungen, warum und weshalb ich kein Hotelzimmer nehmen kann, hisst die DLRG die grüne Flagge. Sobald ich in Cuxhaven mit dem Zug eintreffe, kann mich sogar einer der Rettungsschwimmer vom Bahnhof abholen. Bestens, läuft doch gut an!

Ich beginne mit einer Checkliste, die ich stets zusammenstelle, wenn es mal wieder auf Reise oder Reportage oder Reisereportage geht. Ich entscheide mich für das Nötigste, schließlich werde ich mein Gepäck dauernd am Mann mit herumtragen müssen. Meine Alu-Expeditionsbox scheidet aus. Das Ding ist zwar stabil und hat sich bereits oft bewährt, doch das gute Stück ist so groß, dass ich innesitzend gar selbst nach Dortmund paddeln könnte. Die Wahl fällt auf einen mittelkleinen Trolley, in den Necessaire, ein paar Kleidungsstücke und Ersatzschuhe passen. Lediglich beim technischen Equipment fahre ich das volle Programm: Spiegelreflexkamera mit Allroundobjektiv und Reserveakkus, zwei Mobiltelefone und – absolut unverzichtbar für solch eine Mission – Mininotebook nebst UMTS-Stick, um jederzeit online recherchieren zu können. Eine Entscheidung, die sich während der Reise nur allzu oft als richtig erweisen sollte.

 

10. September 2008

Gelbes T-Shirt, rote Shorts. Das muss er sein. Noch während ich im Zug saß, hatten Werner Schallamach und ich bereits telefoniert. Jetzt steht der Wachleiter vom DLRG-Bereich Cuxhaven wie verabredet vor mir auf dem Bahnsteig und wirft sein seit rund sieben Dekaden von Wind und Sonne gegerbtes Gesicht in Lachfalten.

„Na, dann wollen wir mal schauen, dass wir Dich gut unterbringen.“

Er bringt mich gut unter. Unweit vom Strand entfernt unterhält die DLRG gemeinsam mit der Gemeinde einige Wohnungen, in denen die ehrenamtlichen Rettungsschwimmer, die mitunter aus allen Teilen Deutschlands anreisen, Quartier beziehen können. Mein Glück: Die Hauptsaison ist vorbei und somit findet sich auch ein Plätzchen für mich.

Werner zeigt mir kurz die Wohnung, in der außer mir noch zwei Rettungsschwimmer wohnen, und fährt mit mir an den Strand. Die Seeluft ist phantastisch – wenngleich sich meine rauchende Ruhrgebietslunge ob der ungewohnten Reinheit ein wenig erschreckt. Die graue Eminenz des nordseeumspülten DRLG-Bereichs bietet an, mich morgens zum Ableger des Versorgungsschiffes zu fahren und nachmittags auch wieder dort abzuholen. Werner, Du gute Seele! Was für ein prima Start! Es geht früh zu Bett; schließlich muss ich bereits um sieben am Ableger sein.

Ich hänge noch mit einigen Handgriffen alles, was Strom braucht und einen Akku hat an die Ladung, lege mich hin und falle noch beim Umdrehen auf die Seite in den Schlaf.

 

11.September 2008

Der Wecker klingelt zu einer Uhrzeit, die ich nun wirklich nicht gewöhnt bin – es ist kurz vor sechs. Mann, bin ich gerädert! Früh ins Bett bin ich zwar gekommen, doch mitten in der Nacht – gerade als ich meinen Leib von unruhigem Schlaf gebeutelt von links nach rechts drehte – fand ich mich mit einem Rums, der vermutlich selbst tief schlafende Menschen in ganz Cuxhaven geweckt und wahrscheinlich für manche Verwunderung auf den Seismografen der umliegenden Geologen gesorgt hat, direkt auf dem Boden der Kemenate wieder. Ich bin schlichtweg mitsamt dem Lattenrost nonchalant durch den Bettrahmen gebrochen. Kackealteverdammte! Zum Glück ist lediglich der Lattenrost gebrochen, meine Knochen sind allem Anschein nach heil geblieben. Der Versuch, die ganze Sache notdürftig zu reparieren, erledigte sich auf den ersten Blick: Der Lattenrost war mit Nägeln am Rahmen befestigt! Nix Schrauben oder Winkel oder so - mit kleinen, zierlichen, putzigen Nägelchen! Kein Wunder also. Doch der durchschnittliche Rettungsschwimmer bringt vermutlich auch wesentlich weniger auf die Waage als ein sportresistenter Schreibtischtäter wie ich; der höchstens im heimischen Wohnviertel mit dem Fahrrad von Kneipe zu Kneipe fährt, damit er die kurzen Wege nicht latschen muss, oder alle drei Wochen halbherzig zu einem Gelegenheitsbesuch beim Altherrenboxtraining geht.

Sei es drum. Ich schlafe einfach im ebenfalls unbelegten Nebenbett weiter und beichte Werner das Malheur, als ich nach viel zu wenigen Stunden Schlaf aus der Dusche komme und er bereits in der Gemeinschaftsküche auf mich wartet. Werner winkt nur ab. „Kann passieren.“ Danke, Werner.

Auf dem Weg zur Anlegestelle der „Sara Maatje 7“, die mich zur Ölbohrinsel bringen soll, holen wir noch flott einen Kaffee in einem Schnellrestaurant und fahren weiter Richtung Hafen. Werner setzt mich und meine Ausrüstung am Pier ab und verspricht, mich pünktlich um vier am Nachmittag wieder einzusammeln.

Die Reportage verläuft soweit nach Plan. Der Tag auf „Mittelplate“ ist von der Pressestelle gut organisiert, spannend, informativ. So macht der Job Spaß, da lacht das Journalistenherz.

Auf dem Rückweg nach Cuxhaven frage ich den holländischen Kapitän des Versorgungsschiffes, wie ich denn am besten per Schiff von Cuxhaven nach Dortmund komme.

„Wie bitte?“

Der Seitenblick des Nautikers verrät den Hauch einer Ahnung, was er in diesem Augenblick glaubt, für eine unwissende Landratte neben sich zu haben.

„Wo hin?“

„Nach Dortmund. Im Ruhrgebiet. Dortmund-Ems-Kanal und so.“

Der Nautiker scheint sich inzwischen sicher, es mit einem Menschen zu tun zu haben, der von klarem Verstand ähnlich weit entfernt ist wie ein Hippie vom Bügeleisen.

„Erst mal am besten nach Bremerhaven. Von dort aus bekommen Sie vielleicht ein Binnenschiff. Von hier fährt sicherlich niemand in die Richtung.“

Na, das wollen wir doch mal sehen! Wäre doch gelacht …

Schon von weitem sehe ich das gelbe DRLG-Shirt von Werner am Anlegekai in der Sonne leuchten. Der Gute hat sogar mein Gepäck dabei. Doch bevor ich mich auf dem Weg mache, ein Boot nach Bremerhaven zu finden, fahren wir beim Seenotrettungskreuzer „Hermann Helms“ vorbei. Das Schiff ist unter anderem für die notfallmedizinische Versorgung der Ölbohrinsel zuständig. Ein kurzes Interview mit der Besatzung gehört auf jeden Fall zu einer gut recherchierten Reportage. Außerdem haben die Nordseeretter sicherlich einen guten Tipp für mich, wo ich ein Schiff auftreiben kann, das mich und mein schmales Gepäck in Richtung Ruhrgebiet bringen kann.

Die Besatzung sitzt entspannt an der Cuxhavener Anlegestelle bei Tee und Kuchen. Werner und ich werden mit einem großen Hallo begrüßt. Eigentlich eher Werner. Stimmt ja – nach knapp fünfzig Jahren bei der DLRG ist man sicherlich kein Unbekannter in der Region. Schon gar nicht, wenn man eng zusammenarbeitet. Ein Interview? Sicher gibt es das. Aber zuerst gibt es Tee. Und Kuchen. Dann das Interview.

Nachdem ich die Besatzung mit Fragen zu allerlei Fachkrams gelöchert habe, frage ich den verantwortlichen Kapitän der „Hermann Helms“, wo ich denn ein Schiff nach Bremerhaven erwischen könnte. Schon wieder sehe ich in ein ungläubiges Gesicht.

„Nee, meen Jung, da sieht das mal nich gut aus.“

So langsam beginne ich zu glauben, was mir bereits der eine oder andere, der sich nun einmal besser in der Schifffahrt auskennt als ich, bereits gesagt hat: Dass die Sache gar nicht mal sooo einfach wird.

Die Mannschaft berät. Meine bisherige Zuversicht weicht langsam berechtigten Zweifeln, ob die Anhalterreportage eine gute Idee ist.

„Ruf doch mal bei den Lotsen an“, schlägt der Kapitän der „Hermann Helms“ vor. „Wenn denn überhaupt einer weiß, ob ein Schiff nach Breerhaven fährt, dann die. Aber mach hin, die sind nur noch ein paar Minuten im Dienst.“

Werner sieht auf die Uhr. „Wir können in drei Minuten da sein, die sitzen gleich hier in der Nähe.“

Im Trab werfe ich den Seenotrettern noch ein herzliches Dankeschön über die Schulter. Ab zum DRLG-Bus. Werner gibt Gas. Direkt vor dem Lotsenhaus setzt Werner mich ab und sucht einen Parkplatz.

Wenige Momente später und zwei Stockwerke höher stehe ich die letzten 400 000 filterlosen Zigaretten verfluchend stammelnd vor einem Elbelotsenschreibtisch und sehe – nachdem ich meine Mission erläutert habe – in ein verwundertes Elbelotsengesicht. Wieso sagt eigentlich niemand mal so etwas Nettes wie: „Oh, nach Bremerhaven wollen Sie? Gern, einen Augenblick, ich sehe mal kurz nach, wann das nächste Schiff fährt, das nur darauf wartet Sie mitzunehmen!“?

Stattdessen höre ich wieder einmal: „Was bitte wollen Sie? Per Anhalter auf einem Schiff nach Bremerhaven? Da hole ich lieber mal unseren Geschäftsführer.“

Wenige Momente später steht der Reedereigeschäftsführer und Lotse Andreas Schoon vor mir. Zumindest gefasst wirkt er, wenngleich weder begeistert noch besonders zuversichtlich. Ich habe meinen Körper inzwischen wieder ausreichend mit Sauerstoff versorgt und schildere ihm nahezu fließend die ganze Geschichte; nur, dass Axel und ich bei der Idee nicht unerheblich alkoholisiert waren, verschweige ich besser. (Lieber Herr Schoon, nun erfahren Sie an dieser Stelle die ganze Wahrheit: Ja, es war eine Schnapsidee, im wahrsten Sinne. Bitte üben Sie Nachsicht und Vergebung gleichermaßen, ich mache so einen Quatsch auch so schnell nicht wieder!)

Schoon scheint jedenfalls ein Mann von Welt zu sein, der bereits absonderlicheren Dingen als mir ins Auge hat sehen müssen. „Irrwitziges Ding, das Sie da vorhaben. Habe ich jedenfalls noch nie gehört.“ Er mustert mich von oben bis unten, sieht mir fest in die Augen. „Sie meinen das tatsächlich ernst, oder?“

„Jau.“

„Warten Sie bitte einen Augenblick, ich muss kurz telefonieren.“

Sprichts und verschwindet. Na prima. Bin mal gespannt, wen er anruft. Vermutlich habe ich die Wahl zwischen grüner Minna oder weißgekleideten Herren, die mir unterstellen, grüne Minnas zu sehen; oder Mäuse so weiß wie die hinten geschlossene Jacke, in die sie mir helfen werden. Ich will doch nur nach Bremerhaven, ich will doch nur nach Hause …

Schoon kommt zurück. „Ich schätze mal, wir können Ihnen eventuell helfen. Über den Nord-Ostsee-Kanal kommt gerade ein finnischer Frachter, der nach Bremerhaven fährt. Ich habe mit dem Kapitän telefoniert, er klärt die Sache mit seiner Reederei. Zwei Lotsen von uns fahren gleich los, um das Schiff nach Bremerhaven zu bringen. Die könnten Sie mitnehmen.“

Nebenan klingelt ein Telefon, Schoon dreht auf dem Absatz und verschwindet in seinem Büro. Wenige Sekunden später steht er wieder vor mir. „Wo ist Ihr Gepäck?“

Gute Frage. „Ich hoffe doch, draußen im DLRG-Auto.“

„Der Kapitän der „Estraden“ hat sein Okay gegeben. Wenn Sie es in sechs Minuten bis zur Anlegestelle der Lotsenboote schaffen, sind Sie dabei. Ach was solls – kommen Sie, ich fahre Sie hin!“

Ich greife zum Handy. Werner geht sofort dran. Er steht mit Wagen und Gepäck neben dem Lotsenhaus. Jetzt geht alles blitzschnell: Schoon und ich nehmen zwei Stufen auf einmal. Ab in Schoons Wagen. Werner biegt um die Ecke, hängt sich an uns dran. Schoon tritt aufs Gas. Ich sehe auf die Uhr. Sechs nach vier. Nur das ABS verhindert das Quietschen der Reifen, als Schoon wenige Momente später am Pier in die Bremsen steigt.

Blick nach hinten. Werner hält ebenfalls und holt meinen Trolley aus dem Bus. Zu dritt laufen wir zur Anlegestelle. Schoon spricht kurz mit dem Bootsführer der „Elbe 2“. Nur Sekunden später kommen bereits die beiden Lotsen Hajo Salge und Andreas Völtz an. Ich ziehe meine Kamera aus der Tasche. Ohne Foto fahre ich hier nicht weg. Schon gar nicht ohne ein Foto von Werner, dem guten Kerl!

Blitztermin, alle kurz aufstellen! Flott alle mal „Ameisenscheiße“ sagen! Die Kamera gleitet wieder zurück in die Tasche. Mein Trolley steht bereits auf dem Lotsenboot. Ich drücke Werner kurz und heftig an meine Brust, und schon drückt mir Schoon schonend aber kräftig die Hand. Meine Dankbarkeit an die beiden ist aufrichtig:

„Besten Dank nochmals für alles!“

Werner nickt kurz ein von Herzen kommendes `Klar, Ehrensache!` Er spricht sehr gut ohne Worte.

„Kein Problem“, sagt Schoon. „Ich schätze mal, Sie können jede Hilfe bei Ihrem Vorhaben brauchen. Schön, wenn wir Ihnen an den Start haben helfen können. Viel Glück jedenfalls!“

Um zehn ach vier fahren wir mit voller Geschwindigkeit die Elbemündung hinaus zur „Estraden“. Das kleine Lotsenversetzboot schaukelt für meinen Geschmack viel zu heftig nach links und rechts. Doch offensichtlich bin ich der Einzige an Bord, den das sorgt. Mir wird etwas flau. Eigentlich eine groteske Situation: Die Lotsen wissen nicht so genau, wen sie da im Schlepptau haben, der Bootsführer der „Elbe 2“ sowieso nicht, und mir ist in diesem Moment auch nicht ganz klar, was ich hier mache. Hauptsache mit Volldampf Richtung „Estraden“. Manchmal sitzen halt alle in einem Boot.

Kurz darauf taucht die „Estraden“ vor uns auf. „Mann, was ein riesiger Pott!“ rufe ich in den Wind, der uns um die Ohren pfeift. Spätestens jetzt wissen Salge und Völtz, welch debilen Debütanten sie hier dabei haben.

„Das ist einer von den Kleinen, der hat gerade mal 165 Meter“, ruft Salge zurück. „So. Fertig machen. Wir gehen gleich an Bord. Als Erstes kommt Ihr Gepäck nach oben.“

Ich will Salge noch fragen, was eigentlich „Ahoi“ auf Finnisch heißt, doch die „Elbe 2“ legt genau in diesem Moment an der Steuerbordseite des Frachters an. Wenig später ist erst mein Trolley, dann die Lotsen im Bauch der „Estraden“ verschwunden. Ich stehe allein auf dem Deck des Lotsenversetzbootes.

„Einfach dranspringen!“, höre ich den Bootsführer der „Elbe 2“ rufen. Nun ja, der Rest ist bereits bekannt…

Kapitän Kantola berichte ich eine kurze Version. Zum Glück können wir uns auf Englisch verständigen. Mein Finnisch ist nicht besonders gut, genau genommen weiß ich ja noch nicht einmal, was „Ahoi“ auf Finnisch heißt. Und überhaupt lerne ich gerade zumindest bewusst meinen ersten Finnen persönlich kennen. Die anderen kenne ich nur aus Formel-1- Übertragungen oder sie behaupten mit Saunatüchern bekleidet in Werbespots Schweizer Kräuterbonbons erfunden zu haben.

„Also Journalist sind Sie“, sagt er. „Ich will ehrlich sein: Seit mehr als zehn Jahren bin ich jetzt Kapitän, aber einen Anhalter habe ich noch nie mitgenommen. Das ist das erste Mal. Meine Reederei fand die Sache zwar etwas außergewöhnlich, doch wir heißen Sie an Bord willkommen!“

Kantola gibt mir volle Bewegungs- und Fotofreiheit auf seinem Schiff und ich sehe mich ein wenig um. Von wegen einer von den Kleinen – mir erscheint der Stahlkoloss einfach nur riesig. Zumindest auf dem Ladedeck hätten gefühlt so manche Fußballfelder Platz.

Mitsamt meinem Gepäck richte mich auf der Sitzbank im rückwärtigen Teil der Brücke erst einmal ein und mache das, was ich am besten kann: Innerhalb weniger Sekunden ein schier kaum überschaubares Durcheinander in Form meines mobilen Büros anzuordnen. Kurze Zeit später habe ich diverse Handys, Mininotebook, UMTS-Stick, Ladekabel und Mehrfachstecker miteinander verbunden und suche eine Steckdose. Äh - ah, da. Im Laufe der Reise sollte ich noch ein mehr als gut geschultes Auge für Steckdosen entwickeln um jede sich bietende Gelegenheit zu nutzen, meine Geräte aufzuladen.

Hajo Salge sitzt ruhig und mit dem Gesicht nach vorn auf dem – äh – Fahrersitz? Kapitänsstuhl? Mannmannmann, ich hab aber auch von Nautik wirklich nicht den blassesten Schimmer. Woher auch. Es wird Zeit, ein wenig Nachhilfe zu nehmen. Schließlich ist man ja Journalist, um sich die Welt von Experten erklären zu lassen, nicht wahr? Ich gehe hinüber zu den Lotsen.

„Tja, die Estraden ist heute Mittag aus Richtung Finnland durch den Nord-Ostsee-Kanal gekommen und läuft jetzt Bremerhaven an. Dort nimmt sie Ladung auf und es geht weiter nach England. Unser Job als Lotsen ist es, gebietsfremde Schiffe sicher durch Untiefen, Nebel und andere Gefahrenquellen der hiesigen Gewässer zu bringen. Jedes Schiff ab 90 Metern Länge muss mit Lotsen an Bord durch dieses Gebiet fahren, sonst wäre das Risiko einfach zu groß. Wir Lotsen kommen an Bord und übernehmen quasi das Kommando. Allerdings behält der Kapitän des jeweiligen Schiffes natürlich immer die oberste Befehlsgewalt.“

„Wieso mussten wir eigentlich bei voller Fahrt an Bord gehen? Der Kapitän hätte doch einfach kurz anhalten können.“

Salge schmunzelt. „Sicher hätte er das. Aber ein Pott dieser Größe benötigt mindestens eineinhalb Kilometer, um anzuhalten. Mit der Anhaltezeit und der Zeit, um wieder volle Fahrt aufzunehmen, hätte das Schiff mehr als eine halbe Stunde verloren. Allerdings hatte er seine Fahrt bereits etwas verringert, als wir an Bord kamen.“

„Kommt es denn hier wirklich auf eine halbe Stunde an?“

„Allerdings! Die Frachter fahren heute alle unter Termindruck. Ein Schiff, das nicht fährt, bringt der Reederei kein Geld und kostet nur welches. Außerdem ist es wichtig, rechtzeitig die Schleuse in Bremerhaven zu erreichen, die wir im Vorfeld disponieren – auch das gehört zu unseren Aufgaben. Wenn wir mit Verspätung ankommen, wird ein anderes Schiff vorgezogen und wir verlieren noch mehr Zeit.“

„Wie schnell fährt so ein Frachter? Mir kam es vorhin vor wie mindestens Mach acht.“

„Na ja, ganz so schnell nicht. 18 Knoten etwa.“

Völtz bemerkt, wie mein Hirn versucht, nautische Knoten in km/h umzurechnen. „Ein nautischer Knoten entspricht 1,852 Kilometern pro Stunde. Wir bewegen uns also gerade mit sagenhaften 33 km/h. Genießen Sie das Tempo, auf den Binnengewässern werden Sie nur noch mit 10 km/h vorankommen. Mehr ist auf den Kanälen nämlich nicht erlaubt.“

Salge und Völtz widmen sich wieder ihrer Arbeit, ich setze mich ins mobile Büro und sehe mir noch mal genau die Wasserstraßenkarte an, die ich vorsichtshalber in Laminat eingeschweißt habe. Von Bremerhaven gibt es zwei Möglichkeiten Richtung Dortmund zu kommen: Die Weser hoch bis nach Bremen und bei Hannover auf den Mittellandkanal abbiegen, oder die Weser ein Stück hochfahren und dann den Küstenkanal bis zum Dortmund-Ems-Kanal nehmen. Letzteres scheint mir bedeutend kürzer. Die Entscheidung ist gefallen. Jetzt muss ich in Bremerhaven nur noch ein Schiff finden, das den Küstenkanal entlang möglichst bis nach Dortmund fährt.

„Wann sind wir eigentlich in Bremerhaven?“ frage ich die Lotsen.

„Gegen acht. So, wie es aussieht, schaffen wir es auch pünktlich.“

„Prima. Wo bekomme ich denn heute noch ein Schiff nach Dortmund?“

„Gar nicht. Um die Uhrzeit fährt niemand mehr los. Sie müssen schon in Bremerhaven übernachten und morgen weitersehen.“ Salge hält einen Moment inne. „Wo bleiben Sie eigentlich heute Nacht?“

„Keine Ahnung. Mal sehen. Auf einem Schiff oder so.“

„Sie sollten versuchen im Seemannsheim zu übernachten“, rät Salge. „Das gehört auf jeden Fall zu Ihrer Reportage dazu. Das Heim ist eine wichtige Institution bei allen, die mit Seefahrt zu tun haben und hat eine lange Tradition.“

Klingt spannend. Ich ziehe mich ins mobile Büro zurück und google das Seemannsheim. Allerdings ist das Geflecht aus Stahlträger, aus denen die Brücke besteht, zu viel für meinen kleinen UMTS-Stick. Ich gehe kurz hinaus. Draußen gibt’s neben viel Wind auch viel Empfang. Prima, das Seemannsheim liegt sogar direkt in Hafennähe, im Zweifelsfall sogar fußläufig zu erreichen.

Zum ersten Mal an diesem Tag erreicht mich so etwas wie eine Ruhephase. Obwohl ich immer noch total aufgedreht bin, nehme ich mir etwas Zeit für mich und gehe auf das Außendeck der Brücke. Der Wind peitscht mir um die Ohren, zerzaust mir das Haar. Ich lehne mich an die Reling und genieße den Ausblick. Noch immer wärmt die Sonne, die Meeresluft übt wie so oft den angenehmen Effekt aus, mir das Hirn etwas frei zu pusten.

Sicherlich ein Grund dafür, weswegen ich bei jeder sich bietenden Gelegenheit ans Meer oder auf eine der Nordseeinseln fahre. Ich lasse zum ersten Mal die Eindrücke auf mich wirken. Es läuft. Noch bis heute Mittag schalt mich jeder, den ich von meinem Vorhaben erzählte, einen Träumer und Spinner – zumindest in Gedanken. Dennoch stehe ich mehrere Stockwerke über dem Meeresspiegel auf der Brücke eines Containerschiffes und fahre nach Bremerhaven. Die erste und vermutlich wichtigste Hürde auf der Reise scheint genommen. Trotzdem: Es ging alles derart schnell, dass mir die ganze Situation etwas unwirklich vorkommt. Aber Kantola ist der Kapitän des Schiffes, auf dem ich gerade fahre und Zuversicht der Kapitän meines persönlichen Dampfers.

Zur Rechten taucht vor uns mitten im Meer der Leuchtturm „Roter Sand“ auf. Komisch: Zu meinem letzten Geburtstag hatte mir mein lieber Freund Frank aus Oldenburg einen gemeinsamen Tag auf dem kleinen Eiland geschenkt, der allerdings wegen Sturm abgesagt wurde. Jetzt sehe ich den Leuchtturm aus einiger Entfernung trotzdem vor mir. Moment mal: Ich komme laut Karte direkt auf dem Küstenkanal an Oldenburg vorbei. Vielleicht bietet sich ja dort die Gelegenheit, mit Frank ein Bierchen zu trinken. Ich zücke meinen allzeit bereiten Notizblock und mache mir einen „Merker“, wie immer in meinen Notizen ordentlich eingekreist.

 

Bremerhaven

Die Stimme von Hajo Salge reißt mich aus meinen Gedanken: „Der Hafenlotse kommt an Bord!“ Oha. Noch einer? Nu wird’s aber gleich voll auf der Brücke. Ich werfe mir den Gurt der Kameratasche über die Schulter und einen Blick über die Reling, aber war ja klar: Ich bekomme lediglich noch die Ferse des Lotsen beim Entern der Luke zu Gesicht. Wenige Momente später sprechen die Lotsen mit Kapitän Kantola die weiteren Manöver durch. Es beginnt zu dämmern. Mir dämmert allerdings auch etwas: Außer einem durchbrochenem Lattenrost habe ich mich bei den guten Engeln der DLRG kaum einen Handschlag für die Übernachtung getan. Peinlich, peinlich. Zu spät. Mist. Aber zumindest auf der „Estraden“ kann ich mich ein wenig nützlich machen. Und was kann ein Landei wie ich machen? Richtig: Die Brücke fegen und wischen. Immerhin habe ich selbst genug Dreck unter den Sohlen meiner Einsatzstiefel hineingeschleppt. In einem Abstellraum finde ich Feger und Wischmopp und mache mich an die Arbeit. Immer schön zu wissen, wenn man im Alltag der Seeleute für kopfschüttelnde Belustigung sorgen kann. Doch der Boden war danach aber mal so was von sauber, ich schwör …

Bremerhaven empfängt uns bei schönstem Abendlicht mit einem rund fünf Kilometer langen Kai, an dem Frachtschiff an Frachtschiff liegt, um Ladung zu löschen oder aufzunehmen, um anzulegen oder abzulegen. So ziemlich jede Flagge der Welt weht hier an den Frachtern, von China über Kanada bis hin zum mondänen Panama. Der Anblick ist überwältigend, das Licht phantastisch. Kantola übernimmt wieder das Ruder und steuert die „Estraden“ mit der zentimetergenauen Treffsicherheit eines britischen Caramboulagespielers durch die Schleuse zum reservierten Anleger.

Für die Lotsen und mich heißt es: Ende der Reise, wir gehen von Bord. Ich verabschiede mich von Jorm Kantola und bedanke mich für die herzliche und sicherlich kaum selbstverständliche Gastfreundschaft an Bord. Salge und Völtz bieten mir an, mich im Taxi bis zum Seemannsheim mitzunehmen; ist das per Anhalter fahren? Irgendwie schon. Ich nehme dankend an. Bin gespannt. Ein echtes Seemannsheim. Nur für Seefahrer. Cool.

 

Im Seemannsheim

Die Gassen des Hafenviertels werden mit jeder Ecke, um die ich biege, immer dunkler und unheimlicher. Nur noch spärliche Beleuchtung wirft einen diffusen Schimmer auf herumliegenden Morast und halb zerfallene Fässer aus längst vergangenen Tagen. Hier und da huscht ein Schatten über das feuchte Kopfsteinpflaster, das Trippeln hunderter kleiner Füße hallt leise durch die Gassen und durchbricht die beklemmende Stille.

Neben einem rostigen Anker, der im flackernden Schein einer Laterne zu tanzen scheint, steht kaum lesbar auf einer eisenbeschlagenen EichentĂĽr in verblichenen Lettern mit unsicher gefĂĽhrter Hand gepinselt:

„Seemannsheim“

Ich klopfe zaghaft an die schwere Tür. Aus den Tiefen der Mauern ist ein dumpfes Grölen und Johlen zu vernehmen, das nur aus krächzenden Kehlen meuternder Matrosen stammen kann. Ich klopfe erneut, diesmal beherzter und so laut, dass es in der dunklen Gasse widerhallt.

Das Grölen verstummt. Kurz darauf höre ich hinter der Tür ein Geräusch, als ob jemand mit einem Besenstiel auf den Boden klopft. Mit einem Ruck geht eine Klappe in der Tür auf, die mir vorher im schummerigen Licht der Gasse nicht aufgefallen war. Ein Auge funkelt mich aus der Dunkelheit hinter der Tür verächtlich an.

Befangen von der gespenstigen Szene bringe ich kein Wort heraus. Mit einem „Rums“ wird die Klappe wieder zugeworfen. Einige Sekunden vergehen, dann knirscht ein Schlüssel im Schloss. Langsam öffnet sich die schwere Eichentür mit flehendem Quietschen und gibt den Weg in einen Raum frei, der kaum heller ist als das dämmerige Dunkel, in dem ich immer noch in der Gasse stehe.

Mit mulmigem Gefühl stolpere ich mehr vorwärts als das ich eintrete. Fast wäre ich im Halblicht mit ihm zusammengestoßen. Vor mir steht die Ausgeburt der Freibeuter: Das lange Haar lugt verfilzt unter einem Kopftuch hervor, unter dem selbst die Augenklappe fast zu verschwinden droht. Ebenso wild wuchert der talgige Bart in alle Richtungen, der die tiefen Pockennarben im Gesicht nicht ganz verdecken kann.

Ein etwa handtellergroßer Ohrring, der fast bis auf die abgewetzte Schulterpartie seiner speckigen Weste reicht, baumelt schwach funkelnd umher. Ansonsten scheint der Riese aus Stein zu sein, ebenso unbeweglich wie die Miene, mit der er mich anstarrt. Dann dreht er sich mit einem Ruck um und bedeutet mit seinem von Messerkämpfen und Enterhaken narbig gezeichnetem Arm, mir zu folgen. Jedes „Tok – Tok“ seines Holzbeines auf dem Steinboden fährt mir wie Hammerschlag ins Mark, doch wie hypnotisiert folge ich dem Hünen weiter ins Dunkle.

In der Ecke des Raumes steht spärlich von einem Kerzenstumpf beleuchtet ein kleiner Holztisch, dessen Oberfläche mindestens so schmierig ist wie Weste des Unholdes. Er setzt sich unter kaum hörbarem Ächzen auf einen der wackeligen Stühle und deutet mit seinem Holzbein auf einen weiteren Stuhl. Ich setze mich vorsichtig auf die Kante der Sitzfläche.

Auf einem Teller vor ihm liegt etwas, was hoffentlich vor dem Grillen einmal ein Kaninchen war und nichts, was sonst in den Gassen für trippelndes Tapsen sorgt. Dann – mit einer ruckartigen Bewegung, auf die nicht vorbereitet bin, packt mich seine Hand über den Tisch hinweg direkt an der Kehle. Ich will schreien, doch der eisenharte Griff seiner Hand schnürt mir die Luft ab und erstickt jeden Laut. Er grinst mich nur mit mörderisch flackerndem Auge an. Ich versuche nach Luft zu schnappen, doch immer fester zieht er den Griff zu. Schwindelig, fast der Ohnmacht nahe sehe ich noch über die Tätowierungen seines Unterarmes hinweg, wie er mit der anderen Hand ein Messer mitten aus dem Etwas auf dem Teller vor sich zieht und mir direkt an die Kehle hält. Mit glühender Angst spüre ich den scharfen Stahl an der Unterseite meines Kehlkopfes, der sich vor Angst und Panik immer wieder von selbst hüpfend auf die kalte Klinge setzt, als er seine schwarzstummeligen Zähne entblößt und krächzt:

„Okay, hier setzen wir Sie ab. Das Seemannsheim ist gleich da drüben auf der anderen Straßenseite.“

Wie? Was? Ach ja. Völtz` Stimme reißt mich aus dem Alptraum. Da war ich wohl ein Sekündchen eingenickt. Erst jetzt merke ich, wie erschöpft und erschlagen ich bin. Die Zeiger meiner Uhr stehen genau auf neun. Ich verabschiede mich von den beiden Weserlotsen und bedanke mich noch einmal für ihre Hilfe.

Statt eines mordlustigen Freibeuters aus einem von allen Klischees gebeutelten Piratenfilm sitzt eine nette Dame an der Rezeption. Ich erkläre mich; oder versuche es zumindest. „Ich verstehe Sie also richtig“, sagt die Dame, „Sie wollen hier übernachten, obwohl Sie kein Seemann sind und wollen auch nichts für die Übernachtung bezahlen?!“

„Äh – ja, genau.“ Ich hole daher etwas weiter aus. Die nette Dame hört interessiert zu. Immerhin lässt sie weder irgendwelche Hunde von der Kette oder ruft die Polizei. „Klingt jedenfalls spannend, Ihre Geschichte. Wissen Sie was: Ich kann Ihnen da gar nichts versprechen, doch in ein paar Minuten ist unser Leiter wieder da. Den fragen Sie dann noch mal. Natürlich können Sie hier solange warten.“

Tatsächlich stehe ich wenige Minuten später vor Pastor Werner Gerke und wiederhole Anliegen und Hintergrund. „Keine schlechte Idee das alles. Ich weiß zwar noch nicht, wie wir das alles regeln, doch wir setzen Sie auf keinen Fall wieder vor die Tür. Nehmen Sie sich erst einmal eines unserer günstigeren Zimmer. Den Rest klären Sie morgen Früh mit dem Herbergsvater.“

Das nenne ich mal offene Arme! Dankbar nehme ich den Schlüssel entgegen und wuchte mein Gepäck in den zweiten Stock. Von wegen schangeliger Kaschemme – das Seemannsheim versprüht einen Charme zwischen Jugendherberge und Hotel. Ich bin aufs Zimmer gespannt.

Schlicht, aber alles drin: Bett, Nachttisch, Schrank, Bücherregal mit Bibel, Tisch mit zwei Stühlen, ein Waschbecken. Und vor allem – tadellos sauber. Wieso auch nicht? Ein ganz normales Gästezimmer halt. Nicht das Adlon, aber auch weit von so manch verranzter Jugendherberge entfernt, in die mich die Reiselust längst verblichener Jugend führte.

Und trotzdem: Irgendetwas ist anders. Dann fällt es mir auf: Der Geruch. Ich schließe die Augen, versuche die eingesogene Luft so langsam wie möglich an den Geruchsnerven meiner Nase vorbeigleiten zu lassen und irgendwo in den Tiefen meines Kleinhirns mit etwas zu vergleichen, das ich kenne. Fehlanzeige. Nicht, dass es nach menschlichen Ausdünstungen jeglicher Couleur riechen würde. Oder muffig. Oder nach Pflegemitteln. Oder Holz. Oder Linoleum. Oder nach irgendetwas Bestimmten. Es riecht fremd und nach allem Möglichen gleichzeitig. Vermutlich nach jedem Winkel der Welt, aus der die vorherigen Gäste ein kleines Stück Heimat mitgebracht und als Nuance einer Duftnote hier zurückgelassen haben.

Seemannspastor Werner Gerke sitzt mit übereinander geschlagenen Beinen neben mir in der Sitzgruppe im Foyer des Seemannsheimes und lauscht meiner Geschichte – was bislang passiert ist, und wohin die Reise gehen soll. „Sehen Sie“, sagt der Stationsleiter des Heimes und des angeschlossenen Clubs im Hafen, „es gibt auf der Welt rund 1,2 Millionen Seeleute und fast ebenso viele Schicksale. Irgendwann braucht jeder einmal Hilfe. Frachtseefahrt ist ein hartes Geschäft und auch nicht ganz ungefährlich. Das ist unter anderem ein Grund dafür, weshalb die Seeleute auch im Zweifelsfall fest zusammenhalten. Wir sind hier so etwas wie Bindeglied und Anlaufstelle, wenn es Schwierigkeiten gibt. Und für Ihr Problem sehe ich eine ganz einfache Lösung: Ich betrachte Sie mit dem, was Sie da gerade machen, einfach als angehenden Leichtmatrosen, der noch kein Bordbuch hat. Sie bleiben einfach heute Nacht hier. Als Gegenleistung machen Sie ein paar gute Porträtfotos von mir, die ich in Broschüren oder für Pressemitteilungen verwenden kann.“

Abgemacht. Ich bitte Gerke noch um ein wenig Nachhilfe in Sachen Seemannsheim. Der Pastor blickt auf die Uhr. „Es ist schon spät, aber ein paar Minuten haben wir noch. Was wollen Sie denn wissen?“

„Alles.“

„In Bremerhaven gibt es das Seemannsheim bereits seit 1896. Genau genommen ist das Heim eine Niederlassung der Deutschen Seemannsmission Hannover in Trägerschaft der evangelischen Kirche. Zum Seemannsheim gehört auch der Seemannsclub direkt im Hafen – ein Treffpunkt für alle Seeleute, die während ihres Aufenthaltes hier in Bremerhaven mal etwas anderes sehen wollen als das Schiff, auf dem sie fahren. Oft bleibt bei den kurzen Liegezeiten der Schiffe kaum ausreichend Zeit für einen ausgedehnten Besuch der Stadt. Umso wichtiger ist der Treffpunkt im Hafen – eine Mischung aus Kiosk, Kneipe und Internet- und Telefonshop. Die Zahl der Gäste in Club und Heim schwankt jeden Tag zwischen 80 und 150.“

„Klingt doch nach einem einträglichen Geschäft …“

„Das ist es nicht. Wir sind eher Gastgeber und bieten den Seeleuten hier so etwas wie ein Zuhause weit weg von daheim. Profit machen wir nicht.“

„Also ein Zuschussgeschäft im Rahmen sozialer Fürsorge?“

„Eher das. Eine Mischung aus Zuschüssen der evangelischen Kirche, einiger Reedereien und Spenden, auf die wir dennoch angewiesen sind.“

„Wer übernachtet denn eigentlich hier im Heim, wenn die meisten Seeleute auf ihren Schiffen schlafen?“

„Ganz einfach: Alle, die nicht auf Schiffen schlafen: Seeleute, die eine Heuer anfangen oder sie gerade beenden und auf eine neue warten. Unsere Gäste in Club und Heim kommen aus allen Teilen der Welt und suchen uns gezielt auf; wir genießen einen sehr guten Ruf unter Seeleuten. Natürlich steht unsere Tür auch Seeleuten im Ruhestand offen. Wichtig ist uns auf jeden Fall, nicht mit dem Gebetbuch voran zu gehen. Wir sind in erster Linie eine Anlaufstelle für Menschen – und keine Missionare, die zum evangelischen Glauben überzeugen wollen. Doch wenn jemand in Ruhe ein Gebet sprechen möchte: Im Nebentrakt ist unsere Kapelle.“

„Suchen denn auch Seeleute anderer Konfessionen gezielt das Gespräch mit Ihnen?“

„Allerdings! Sehen Sie – die meisten Seeleute sind etliche Wochen oder Monate unterwegs. Manchmal ist es einfach wichtig, ein offenes Ohr zu finden und über Dinge zu sprechen, die einem sprichwörtlich auf der Seele liegen. Wir kennen das Seefahrtgeschäft und die Schwierigkeiten des Jobs. Stellen Sie sich einfach vor, Sie sind weit weg der Heimat und ein Angehöriger ist dem Tod näher als dem Leben. Oder bereits verstorben, ohne dass sie ihn noch einmal haben sehen können. Das zerfrisst viele Seeleute. Viele Seeleute – vor allem aus dem asiatischen Raum - haben sich den Job nicht ausgesucht, weil es ein Jugendtraum war; sondern, weil sie keine andere Arbeit finden. Und nach langer Zeit weit von zu Hause weg fühlt sich der eine oder andere sehr einsam. Da spielt die Konfession keine Rolle. Da sind wir alle gleich. Bei uns findet sich jedenfalls immer Zeit für ein Gespräch und im besten Fall auch Trost. Darauf kommt es an.“

Gerke sieht auf die Uhr. „Wenn es recht ist, reden wir morgen weiter. Es ist fast elf, und ich muss noch im Club vorbeischauen. Morgen früh gegen zehn? Sie finden mich den Gang runter in meinem Büro.“

Ich schaue auf rasch in der kleinen Kneipe vorbei, die an das Seemannsheim angeschlossen ist. Am Tresen sitzen noch einige Leute. Die Dame hinterm Tresen schwingt bereits den Putzlappen, der eindeutig einen nicht allzu weit entfernten Feierabend bedeutet. Ich muss einen sehr, sehr durstigen Eindruck gemacht haben, denn ich bekomme noch ein Bier. Am Tresen räumen die Gäste einen Hocker für mich frei. Eine illustre Runde sitzt im Halbkreis der Bar: Ein Pärchen aus der Nachbarschaft, ehemalige Seeleute im Ruhestand oder auf Urlaub, ehemalige Schiffstechniker, die gerade ihr Kapitänspatent machen. Ich werde jedenfalls offen und herzlich empfangen und plaudere noch ein wenig mit der Runde.

Wenig später sehe ich beim Zähneputzen in den Spiegel über dem Waschbecken und bin ein wenig erschrocken: Mehr Ränder als Augen sehen mich aus meinem etwas von der Sonne gezeichneten Gesicht an. Ich bin hundemüde, erledigt. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich seit mehr als 17 Stunden nonstop auf den Beinen bin und mich die vielen Ereignissen des langen Tages – verdammt, bin ich wirklich erst seit heute Morgen unterwegs? – erschlagen haben.

Ich hänge noch mit geübten Handgriffen alles, was Strom braucht und einen Akku hat an die Ladung, lege mich hin und falle noch beim Umdrehen auf die Seite in einen trüben, traumlosen Schlaf.

 

Copyright © 2010 medienbüro-dortmund & kosnet.de