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Tandem Tramper

Der sechste Teil der Tramper-Serie: Die bislang sportlichste Episode, denn diesmal geht´s in die Pedale. Mit einem Spezial-Tandem von Dortmund rund ums Ruhrgebiet nach Duisburg und zurück.

 

Eigentlich locker zu schaffen. Allerdings gelten fĂĽr den Tramper natĂĽrlich auch diesmal wieder besondere Regeln: Er darf nicht vorn sitzen und

muss sich somit stets jemanden suchen, der ihn und das skurrile Gespann ein Stück weiter durchs Ruhrgebiet fährt.

Lediglich kurze Besorgungsfahrten  - um sich zum Beispiel eine Unterkunft zu suchen – sind erlaubt. Damit auch das nächste Problem: Für das Tandem-Gespann einen Stellplatz für die Nacht zu finden, auf dass es nicht in die Obhut böswilliger Strauch- und Fahrraddiebe kommt.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Tramper (im englischen ursprĂĽnglich=Wanderarbeiter) laut Reglement ohne einen Cent Geld in der Tasche starten und sich unterwegs mal wieder seinen Unterhalt - wie auch immer - verdienen muss.

Die Trike-Version des Tandems ist übrigens kein Zufall. Der Umkippfaktor mit zwei ungeübten Fahren ist damit schlichtweg um einiges geringer…

 

Projektpartner:

 

                            

 

 

 

 

 

Die Reportage zu Tour:

 

Sieben Räder westwärts

 

Mit einem Fahrrad rund ums Ruhrgebiet zu fahren ist eigentlich keine große Sache. Es sei denn, man ist im Rahmen der Tramperserie unterwegs, bei der es darum geht, auf die ungewöhnlichsten Arten per Anhalter zu fahren. In der Vergangenheit bin ich bereits per Anhalter auf Schiffen, auf Motorrädern, mit einem Pferdesulky ohne Pferd, mit Bus und Bahn und zuletzt mit einer italienischen Ape als Tramper durchs Land gefahren. Die Regeln diesmal: ich darf – um Strecke zu machen – nicht vorn sitzen und muss mir stets jemanden suchen, der mich und das Tandem-Gespann ein Stück weiterfährt. Erschwerend kommt laut Reglement hinzu, dass ich in Dortmund ohne einen Cent Geld in der Tasche starten und mir unterwegs alles selbst verdienen muss. Die Strecke: Von  Dortmund grob über den Emscherradweg bis nach Duisburg, von dort über den Ruhrtalradweg zurück nach Dortmund.

Christian flucht. Und schwitzt. Geht mir aber auch genauso. Zwar sind wir erst seit einigen Kilometern unterwegs, doch die hügelige Strecke zwischen Dortmund und Bochum macht uns zu schaffen. Die Sonne brennt uns am Rande der 30-Grad-Marke aufs Hirn und wir haben ein Gespann unter uns, dass mit konventionellem Radfahren ungefähr genau so viel zu tun hat wie ein Polarforscher mit einer Übergangsjacke. Das Gespann wiegt – je nach Besatzung – insgesamt mit Anhänger und Gepäck knapp 250 bis 300 Kilo. Für einige Motorradhersteller Grund genug, ihre Maschinen in dieser Gewichtsklasse mit Motorisierungen jenseits der 50-PS-Marke zu befeuern, wir jedoch treten das Tandem-Trike mit vier Beinen gegen die Anhöhen.

 

Der Berg ruft

Auf gerader Strecke kein Problem, bergab geradezu ein großartiger Spaß. Aber wehe, es kommt ein Berg. Selbst Christian, der sich freiwillig gemeldet hat um mit mir die erste Etappe von Dortmund nach Recklinghausen zu fahren scheint nicht mehr davon überzeugt zu sein, ob das wohl eine seiner besten Ideen gewesen ist – und das als wirklich ambitionierter Vielfahrer, der jede freie Minute auf dem Rennrad verbringt.

„Wieso?“ Christian sieht mich durchdringend an, als wir direkt vor der Zeche Zollern Halt machen und uns die Beine ausschütteln. „Wieso dieses Riesending?“ Die Frage ist berechtigt, doch auch schnell beantwortet. „Mit einem normalen Tandem fällst Du mit einem ungeübten Team einfach zu schnell um. Außerdem sind die beiden Trikes solide gebaut und haben einen super Schutz vor Wind und Wetter.“ Das waren tatsächlich meine Überlegungen, als ich vor einiger Zeit eine Spezialmanufaktur in Waltrop gefragt habe, ob sie mir solch ein Gefährt für die Reise zusammenbauen und borgen könnten. Wer konnte auch ahnen, dass ausgerechnet Anfang September der Lorenz dermaßen aufs Ruhrgebiet brennt, als wolle er den verkorksten Sommer 2012 mit einem Schlage nachholen.

Egal. Wir fahren ĂĽber Bochum und Castrop-Rauxel weiter bis nach Recklinghausen ans Umspannwerk. Am Kanal machen wir Pause. Dann entscheiden wir uns, die Tagesetappe in Herne ausklingen zu lassen. Ich setze Christian am Bahnhof ab, damit er mit dem Zug nach Hause fahren kann. Trotz des anstrengenden Tages sind wir guter Laune; zumal uns unterwegs aller Zuspruch der Menschen, denen wir begegnen, sicher ist. Egal wo wir halten, wer uns entgegenkommt: Die Leute staunen, fragen, wĂĽnschen eine gute Reise. Der Sympathiefaktor des skurrilen Gespanns liegt ganz klar bei 100.

Gegen 19.00 Uhr jedoch muss ich langsam mal Gedanken machen, wo ich überhaupt während der Nacht unterkomme. Ich frage einfach bei der Feuerwehr nach, ob die für mich und das Gespann – das ich ungern auf der Straße abstellen möchte – ein Plätzchen haben. Zehn Minuten später ist ein Nachtlager in der Waschhalle aufgeschlagen, dem großherzigen Wachabteilungsleiter sei Dank. Trocken, geschützt und für ganz für umsonst – was will ich mehr.

Am nächsten Morgen werde ich um Sieben wach, als der Maschinist direkt vor der Halle das Drehleiterfahrzeug auf ordnungsgemäße Funktion überprüft. Zeit, mit wackeligen Beinen aufzustehen. Mir tun von der ungewohnten Beanspruchung durch das Treten nach vorn auf dem Tandem Muskelpartien weh, von denen Existenz ich genau genommen bislang nichts wusste. Der Maschinist nimmt mich mit in den Korb und fährt auf 30 Meter Höhe. Wow, was für eine Aussicht! Guten Morgen Herne, guten Morgen Ruhrgebiet!

Die Jungs von der Feuerwehr haben direkt zwei Dinge für mich: Einen Kaffee und vor allem einen Tipp, wo ich vielleicht gute Chancen habe, einen Fahrer für die heutige Etappe zu finden: Fahrrad Korte. Und richtig – Frank Korte und sein Team schauen zwar zunächst etwas skeptisch,  finden mein Vorhaben aber dann doch prächtig und telefonieren los.

 

 

 

An der Emscher

Keine Stunde später steht Heiner Böhmen in der Tür. Der 60-Jährige ist nicht nur begeisterter Vielfahrer, er kennt sich zudem auf den Radwegen der Umgebung gut aus und hat vor allem Zeit. Nach wenigen Metern wird klar: Heiners  Antritt ist beeindruckend, das Tempo nicht ohne. Doch einen besseren Fahrer kann man sich kaum wünschen. Er steuert das Gespann souverän und umsichtig durch den Stadtverkehr, selbst die ungewohnten Abmessungen des Gefährts scheint er vom ersten Moment an abgespeichert zu haben.

Unser Ziel: Oberhausen. Heiner mäandert uns mal am Rhein-Herne-Kanal, mal über den Emscherradweg Richtung Westen. Für mich ist der Emscherradweg Neuland, ich fahre hier zum ersten Mal entlang. Ein Fehler, wie mir zunehmend klar wird. Der Wechsel von Industriegebäuden und Natur ist in der Tat beeindruckend. Entweder fährt man entspannt durchs Grün oder bekommt immer wieder Ankerpunkte, an denen es sich zu halten lohnt. Auf einer Kanalbrücke machen wir kurz Halt. Ich frage Heiner, was für ihn das Ruhrgebiet ausmacht. Er überlegt nicht lang. „Die Leute hier. Das Ruhrgebiet hat einen einzigartigen Menschenschlag. Und Du bist in wenigen Minuten aus der Stadt raus direkt im Grünen. Was willst Du mehr?“ Ich nicke, bin ganz bei ihm. Schließlich bin ich ein waschechter Pottjunge mit Emscherblut in den Adern.

Wenig später allerdings sucht uns dem Fluch von Fünf Metern auf sieben Rädern heim: Das Gespann passt nicht durch die versetzten Barken, die vor uns auftauchen. Der Beginn eines Rituals, das ich in den nächsten Tagen noch öfter abhalten werde. Gespann auseinander bauen, einzeln irgendwo hochkant durchrollen, danach wieder zusammenbauen. Besonders gern im Abstand von wenigen hundert Metern genommen.

Doch Heiner erträgt die Montageeinheiten mit einer ähnlichen Gelassenheit wie die Momente, in denen ich hinten sitze und auf der Ukulele übe, die ich mir unlängst zugelegt habe. Ein verwegener Teil meines Plans, unterwegs ein paar Euro zu verdienen: Ich kann entweder für ne Stulle irgendwo Handlangerarbeiten verrichten um wenigstens etwas zu essen zu haben. Oder zwischendurch versuchen, einige von den Büchern im Gepäck, die ich geschrieben habe als ich noch jünger und klüger war als heute, an großherzige Menschen zu verbimmeln.

Oder auf der Ukulele zur kurzweiligen Erheiterung des Publikums spielen. Wenngleich spielen nicht ganz korrekt ist. Gerade einmal zwei Stücke kann ich eher schrammeln als spielen, von der Sache mit dem Singen haben mir ohnehin schon etliche Menschen abgeraten. Und so ist der Plan: Ein Stück für fünf Euro, beide im Doppelpack für Siebenfünfzig und wenn ich anfange und direkt aufhören soll kostet es zehn. Funktioniert hat immer nur die letzte Variante. Der Geldbeutel hat zwar in diesen Momenten gelacht, mein Ego weint jedoch bis heute.

Am Bahnhof Oberhausen nehmen Heiner und ich herzlich Abschied voneinander. Auf einen Tipp hin rufe ich im fast schon legendären „in hostel veritas“ unweit des Centro an und frage, ob für die wenigen Kröten, die ich in der Tasche habe ein Bleibe zu bekommen ist. Kirsten Fey zeigt mir einige Minuten später, wo das Zimmer ist und ich das Gespann parken kann. „Wir können es heute eh nicht vermieten, weil wir nebenan eine große Party haben. Lass Dein Geld in der Tasche und bezahlt einfach morgen nur das Frühstück.“ Jippieh!

 

Dem Opa Krawczyk sein Tipp

Vom Kaisergarten direkt am Kanal versuche ich am nächsten Morgen zur nächsten Etappe nach Duisburg, meinem Wendepunkt der Reise zu starten. Einen Fahrer finde ich allerdings auch nach einer Stunde nicht; warum auch. Schließlich fahren die meisten, die hier anhalten, selbst mit dem Rad.

Aber Opa Krawczyk finde ich. Oder vielmehr er mich. Der 87-jährige ehemalige Metallschlosser findet Gefallen an dem Gespann und klopft mal hier, mal dort mit seinem Krückstock an Rahmen. „Haste gut gebaut, Junge.“  Ich schüttle den Kopf, hab eh keine besonders gute Laune. Ich sitze am Kanal und will eigentlich nur meine Ruhr. „Nee, war ich nicht. Ham welche gemacht, die es können.“ Wir plaudern kurz, ich erkläre ihm alles. „Und jetzt findste keinen, oder was?“ Ich bin langsam etwas genervt.  „Nee, tue ich nicht.“ Sein Krückstock klopft gegen den Anhänger. „Wenn Du einen mit Klapprad siehst, kannste das ja hinten draufladen.“ Ich seh Opa Krawczyk, Opa Krawczyk sieht mich an. Er zwinkert mir mit seinen runzeligen Augen zu, dann wackelt er auf drei Beinen von dannen.

Keine fünf Minuten später ziehe ich Jörg Blachny vom Radweg, keine drei Minuten später ist sein kurzes Mountainbike auf dem Anhänger verzurrt und wir radeln entspannt Richtung Duisburg, wo Jörg direkt neben meinem Wendepunkt – der Ruhrmündung – passendeweise wohnt. Ich würde eigentlich gern noch einmal zurückfahren und Opa Krawczyk ordentlich für diese Idee herzen.

Am späten Mittag erreichen wir nach gemächlicher Fahrt die Rheinorange und machen kurz Rast. Mein Auge fällt auf einen weißen Geländewagen mit Bootstrailer hinten dran. Moment: Den kenn ich doch! Und richtig – die Wasserretter vom ASB Dortmund, über die ich mal eine Reportage gemacht habe sind beim Rheinmanöver, wie mir die Dortmunder Leitstelle bestätigt. Ich lasse mir die Mobilnummer von Bootsführer geben und kurze Zeit später laden die Wasserretter vom Arbeiter-Samariter-Bund und von den Johanniter aus Essen, die ebenfalls am Manöver teilnehmen, das zerlegte Gespann auf jeweils ein Boot und bringen mich ein Stück die Ruhr hoch. Nicht, dass die Länge der Strecke erwähnenswert wäre - doch der Spaß war uns die Mühe allemal wert!

Zudem fährt mich Rettungsassistent Thorsten Kuhlmann vom ASB mit dem Gespann noch bis Mülheim, wo ihn seine Kollegen, die inzwischen das Boot auf den Trailer ziehen, am Aquarius Wassermuseum wieder aufsammeln. In der Nähe von Mülheim komme ich für die Nacht für wenige Euro in einem Wohnwagen auf einem Campingplatz unter. Es läuft. Sogar ein bisschen besser, als ich dachte. Wenn mal davon absieht, dass mir sowohl die Radfahrkarten als auch das Ladekabel vom Netbooks abhanden gekommen sind. Alte Regel eines Trampers: Halt Deine Sachen zusammen; was weg ist, kommt so schnell nicht wieder zu Dir zurück. Du hast als Tramper zwar keine Kohle auf Tasche, Lehrgeld zahlste aber immer.

 

Auf dem Ruhrtalradweg  

Das Kabel kann ich am nächsten Morgen durch ein Gebrauchtes aus einem Internetshop in Mülheim ersetzen, wenngleich ich dem Besitzer des Shops dafür sämtliche der wenigen Euros auf den Tresen legen muss, die ich noch in der Tasche habe. Super. Zwar online gehen können, aber pleite und nix zu Essen in der Tasche.

In einem Fahrradladen nebenan frage ich nach, ob ich vielleicht hier etwas Arbeit für wenig Lohn bekommen kann. Kann ich. Bürgersteig und Beete vor dem Laden müssen mal ordentlich gesäubert werden. Zurück im Laden sieht mich der Inhaber an. „Ich kenn Dich doch. Du warst doch schon mal hier und wolltest Geld für eine Fahrkarte oder so.“ Ich sehe mich um. „Nö. Hier war ich noch nie. Ganz sicher.“ Der Inhaber lacht. „Stimmt. Hier nicht. Wir hatten damals noch das Ladenlokal um die Ecke.“ Und jetzt klingelt es auch bei mir: Als ich vor zwei Jahren per Anhalter mit Bus und Bahn durchs Ruhrgebiet gefahren bin, hab ich in dem damaligen Ladenlokal Halt gemacht, um mir Geld für eine Fahrkarte mit dem Putzen von Leihrädern zu verdienen. Tja, so ist das hier im Ruhrgebiet: Du siehst Dich immer zweimal.

 

Auf dem Ruhrtalradweg unweit des wunderschönen Mülheimer Wasserbahnhofs  versuche ich es mit der gleichen Strategie von gestern. Und das mit Erfolg: Michael Kirschner hat sich die Radtour an seinem freien Tag sicherlich etwas anders vorgestellt, doch nachdem ich überzeugen kann, dass sein Mountainbike sehr wohl hinten auf den Hänger passt, fährt mich der Radiologe sogar bis nach Essen-Werden, obwohl er vorher auf den Heimweg nach Solingen abbiegen müsste. Die Strecke entlang der Ruhr gilt nicht umsonst als einer der schönsten Radwege Europas. Fast durchgehend führt der Radweg am Fluss entlang und straft jeden Menschen Lügen, der in seiner Unwissenheit leichtsinnigerweise behauptet, das Ruhrgebiet sei kein schöner Flecken Erde.

Mein Ziel heute: Das Unperfekthaus in der Essener Innenstadt. Inhaber Reinhard Wiesemann hat mich eingeladen, im Generationenkulthaus ein freies Zimmer zu beziehen und mich im Unperfekthaus mit Abendessen und Frühstück zu versorgen. Der Berg vom Baldeneysee nach Essen ist die Hölle! Das muss auch Sportstudent Matthias einsehen, der in Essen-Werden sofort mit den Worten „Cool, ich bin dabei!“ vorn ins Gespann steigt, obwohl ich ihn eigentlich nur nach dem richtigen Weg gefragt habe. Doch der Rhythmus „100 Meter strampeln, anhalten, verschnaufen, 100 Meter strampeln“ hat auch sein Gutes. Zumindest lässt sich während der Pausen arglosen Spaziergängern zwischendurch bestens das eine Buch oder das andere Ukulelestück verkaufen.

Im Unperfekthaus  treffe ich abends den Clown Philippo. Der Clown will seine angebetete Maria in Mexico besuchen und meint, sein Weg würde ihn dabei ohnehin ein Stück der Ruhr entlangführen. Klingt alles ein wenig absonderlich. Aber von mir aus. Mit einem Clown als Fahrer kann es eigentlich nur lustig werden.

Von wegen! Philoppo ist zwar ein probater Reisegefährte, doch das Wetter meint es alles andere als gut. Sicher – dass uns der Kapitän der Weißen Flotte umsonst über den Baldeysee übersetzt und ich dabei sogar die Passagiere an Bord gegen bare Münze mit der Ukulele unterhalten darf, ist total dufte. Aber kaum am anderen Ufer angelangt fängt es dermaßen an zu schütten, dass an eine Weiterfahrt nicht zu denken ist.

Etappenweise quälen wir uns dann doch irgendwann von einer Unterstellmöglichkeit entlang des Radweges zur nächsten. Wenngleich der Ruhrtalradweg auch in strömendem Regen sicherlich einen ganz eigenen Charme hat: Spaß macht das hier gerade keinen. Zumal mir eine alte Unfallverletzung im rechten Knie zu schaffen macht – es schmerzt während jeder Kurbelumdrehung. Während einer kurzen Straßenpassage lerne ich auch, wie man Wasser im Ohr haben kann ohne aus Dusche oder Schwimmbad zu kommen: Man muss sich nur ausgerechnet in Höhe der größten Pfütze des Ruhrgebiets von einem nachlässigen Autofahrer überholen lassen – der Spalter! Mögen er und sein japanischer Kleinwagen dereinst im Sumpf ewiger Qualen ihr Grab finden, auf das ich persönlich noch Stinkmorcheln pflanzen werde!

Klatschnass – und meine wirklich klatschnass – kommen wir in Hattingen an. Philippo fährt mit der Bahn weiter. Nach Mexiko, wohlbemerkt. Ich telefoniere ein wenig herum, um eine bezahlbare Absteige zu finden. Meine Barschaft: 20 Euro.

Roland Stumpf vom Avantgarde-Hotel hat Mitleid mit mir. Er hat noch ein Zimmer in gehobener Preisklasse frei, das er heute Abend auch nicht mehr wird vermieten können. Meine 20 Euro will er auch nicht haben. Er war früher auch mit wenig Geld viel in der Welt unterwegs. Danke, Mann!

 

Endspurt

In zwei Fahrradläden frage ich am nächsten Tag nach, ob sie vielleicht einen Fahrer für mich wüsste. Fehlanzeige. Es ist mitten in der Woche und mieses Wetter. Die Chancen, jemanden morgens auf dem Ruhrtalradweg zu erwischen sind also entsprechend gering. Aber was bleibt mir. Zwei Stunden später liegt das Rad von Ralf Kalinka hinten auf dem Hänger, er wundert sich vorn wie anstrengend Radfahren so sein kann. In Witten dann Fahrerwechsel an der Radstation. Ein ehemaliger Mitarbeiter der Station ist bereit, mich ein Stück den „Rheinischen Esel“ bis nach Bochum-Langendreer zu fahren. Wenn uns nicht mitten in der Wittener Fußgängerzone das Kettenschloss des vorderen Trikes gebrochen wäre. Doch die Radstation ist auf Zack und bringt nach einem kurzen Telefonat ein Ersatzschloss direkt zu uns herüber.

In Langendreer heißt es dann, einen Fahrer für die letzte Etappe aufzutreiben. Schließlich soll alles dort enden wo es angefangen hat: Auf dem Dortmunder Friedensplatz. Ich frage mich durch die Straßen, bis sich schließlich Dirk Rose findet. Der ist zwar erst nachts irgendwann von der Arbeit gekommen, wollte aber schon immer mal Liegerad fahren. Kann er kriegen! Die letzte Etappe erscheint mir wie ein Katzensprung. Was Wunder – hinter mir liegen sechs Reisetage, mehr als 250 Kilometer, 13 durchfahrene Städte, neun Fahrer und durchschnittlich vier Liter Trinkwasserverbrauch pro Tag.

Auf dem Friedensplatz beenden wir die Etappe ganz offiziell. Ich lade Dirk auf ein Bier in meiner Stammbodega ein. Und wer sitzt da: Mein erster Fahrer Christian. Das gab es auf meinen Tramper-Reisen auch noch nicht – der letzte und der erste Fahrer gemeinsam mit mir beim Bierchen.

Dirk fragt mich, welche Erlebnisse mich auf der Reise am meisten beeindruckt haben. Ich denke nach. Denke an all die vielen Menschen unterwegs, die mir weitergeholfen haben. Den richtigen Weg gewiesen haben oder direkt bei ihrem Nachbarn geklingelt haben, wenn sie selbst den Weg nicht wussten. Mir zu trinken, zu essen und einen Schlafplatz gegeben haben. An meine Fahrer. An all die, die geholfen haben, einen Fahrer zu finden. An all die Menschen, die uns unterwegs in dem skurrilen Gespann angelächelt haben. An das Winken der Kinder.

„Es sind einfach immer wieder die Begegnungen mit den Menschen unterwegs. Ich komme als Tramper ohne die Hilfe anderer ja nicht weiter. Das wie ein Trip gegen das eigene Ego: Immer bestimmen andere, wie Dein Tag wird, wo Du landest, ob Du überhaupt weiter oder schließlich auch ans Ziel kommst. Aber im Ernst, Mann: Der Ruhrgebietler an sich hat vielleicht ne große Klappe. Aber auch ein verdammt großes Herz. Wir halten hier eben zusammen, wenn einer inne Bredouille ist“

Dirk und Christian nicken. Wir schweigen. Nur das Aneinanderklirren unserer Gläser durchbricht die Abendstille.

Danke, Ruhrgebiet!

 

 

 

 

 

 

 

 

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